Geschichte

Die Vereinigung Cockpit wurde 1968 von einer Gruppe Piloten um Hans Dieter Gades als Berufsverband gegründet. Bis zum Jahr 2000 existierte eine Tarifgemeinschaft mit der Deutschen Angestellten Gewerkschaft (DAG). Die DAG verhandelte somit die Tarifverträge für die in der Vereinigung Cockpit organisierten Piloten. Noch bevor die DAG in der Gewerkschaft ver.di aufging wurde die Vereinigung Cockpit tarifpolitisch selbständig und ist seit Beginn des Jahres 2000 auch in gewerkschaftlicher Funktion tätig.

(An dieser Stelle werden Sie nach und nach einen kompletten und ausführlichen Überblick über die 40-jährige Geschichte der VC bekommen.)

Hans-Dieter Gades

Die wohl prägenste Person für die Vereinigung Cockpit war ihr erster Präsident, Hans-Dieter Gades. Im verdankt der Pilotenverband so viel, wie niemand anderem.

Als im Jahre 1968 offensichtlich wurde, dass es keine Gewerkschaft gab, die das Cockpit-Personal mit Sachverstand und Nachdruck vertreten konnte, als durch unsinnige Tarifabschlüsse und sachfremde Entscheidungen das Interesse des Cockpitpersonals grob verletzt wurde, erkannte er, dass nur ein eigenständiger Berufsverband, organisiert und getragen von den unmittelbar Betroffenen, in der Lage sein würde, den Piloten, Flugingenieuren und Navigatoren auf berufs- und tarifpolitischem Gebiet angemessen Gehör zu verschaffen.

Diese Erkenntnis setzte er mit einer kleinen Schar von Gleichgesinnten in die Tat um, so dass am 15. März 1969 die Vereinigung Cockpit gegründet werden konnte. Hans-Dieter Gades wurde ihr erster Präsident. Es folgten, nach kurzer Unterbrechung, noch zwei weitere Amtsperioden. In dieser Zeit wurde die Vereinigung Cockpit, von den üblichen Rückschlägen unterbrochen, zu dem, was sie heute ist: Der national und international bei allen mit der Luftfahrt verbundenen Gremien anerkannte Verband der Cockpitbesatzungsmitglieder.

Hans-Dieter Gades wurde am 29. Mai 1938 in Celle geboren, ging dort bis 1957 zur Schule, die er mit dem Abitur abschloss. Bis zum Beginn der Fliegerschule war er als Technischer Zeichner in einem Konstruktionsbüro tätig, ehe er am 1. Oktober 1957 mit dem 8. Nachwuchsflugzeugführerlehrgang in Bremen seine Ausbildung bei der Deutschen Lufthansa begann. Ab 1960 im Streckeneinsatz als Copilot auf den Mustern Lockheed „Super Constellation“, Vickers Viscount, Boeing 727 und ab 1966 als Kapitän auf Viscount, Boeing 737, 707 und Douglas DC10.

Schon gleich nach seinem Eintritt in die Fliegerschule zeigte er sein großes soziales Engagement, sein Interesse am Mitmenschen, seine Bereitschaft, sich für andere einzusetzen. Wenn es im 8. Lehrgang Probleme gab, Dieter hatte ein offenes Ohr, wusste eine Lösung, war bereit, sich dafür einzusetzen. Es kam also nicht überraschend, dass er sich auch später in der Personalvertretung engagierte, dass er dort Vorsitzender der Gesamtvertretung des Fliegenden Personals wurde, Mitglied der Tarifkommission und Mitbegründer der Vereinigung Cockpit. Bald gab es für ihn kein Privatleben mehr; „der Gades“ war aus keiner Sitzung, keiner Versammlung, keiner Verhandlung mehr wegzudenken, in der es um die Belange der Flieger ging.

Das Ansehen, das er nicht nur bei Freunden, sondern auch bei den Vertretern der Gegenseite genoss, kam letztlich auch der Vereinigung Cockpit zugute. Er war die beherrschende Figur auf der Arbeitnehmerseite im Flugbetrieb der Deutschen Lufthansa in den siebziger Jahren.

Und plötzlich war er nicht mehr da. In den ersten Januartagen des Jahres 1978 erreichte uns die Nachricht von seinem überraschenden Tode. Sie löste tiefe Betroffenheit und Ratlosigkeit aus, wo immer auf der Welt uns diese Nachricht auch erreichte. Sein damaliger Weg-Genosse und VC-Gründer Dr. Werner Joost hat die Empfindungen seinerzeit in einem Nachruf zusammengefasst:

„Hans-Dieter Gades ist tot, diese Nachricht erreichte uns aus dem fernen Land, wo er gerade seine DC 10 hingeflogen hatte, gerade daß das Neue Jahr begonnen hatte. Und keiner konnte diese Nachricht begreifen, keiner wollte sie wahrhaben. Vielleicht wäre; ein Versehen, eine Verwechslung? Nein es war kein Versehen, es war eine unumstößliche Wirklichkeit: sein Herz war einfach stehen geblieben. Wir werden uns an diese Tatsache gewöhnen müssen.

39 Jahre alt, Flugkapitän, Präsident der Vereinigung Cockpit e.V., Vorsitzender der Gesamtvertretung des Fliegenden Personals der Deutschen Lufthansa. Seine Profession und sein Engagement für seine Kollegen und die Gesellschaft, für die er flog, sein Einsatz für die Belange der Luftfahrt, vor allem für die Sicherheit, all das ist weit über die Grenzen Deutschlands bekannt und geachtet. Aber das sagt kaum etwas über ihn als Mensch oder über sein Leben. Hans-Dieter Gades paßte in keines der von unserer Gesellschaft vorgegebenen Schemata, im Sinne von Rolle und Status.

Er kannte so viele Menschen rundherum in der ganzen Welt, und jeder, der etwas mit der Fliegerei zu tun hatte, kannte ihn. Dennoch, er war ein Einzelgänger. Zwei Faktoren machten ihn dazu: Seine außergewöhnlichen Begabungen und seine idealistische, so ganz unkonventionelle Lebenseinstellung. Er war ein unzeitgemäßer Mensch.

Gades hatte auch Fehler, wie jeder Mensch, aber das Beeindruckende an seiner Persönlichkeit war doch die selbstkritische Offenheit, mit derer seine Fehler eingestand und der tiefe Ernst und der Eifer, mit denen er versuchte, ihrer Herr zu werden.

Alles was er tat, tat er für andere oder für die Gemeinschaft. Seine Stärke nutzte er, um den Schwächeren zu helfen. Er war immer auf der Seite derer, denen Unrecht geschah. Seine persönlichen materiellen Bedürfnisse waren belanglos, er hatte kein Verhältnis zu materiellen Werten.

Alles was er tat, unterwarf er anderen Maßstäben als den allgemein üblichen. Für ihn mußte alles im letzten Schluß die Gerechtigkeit und die Menschlichkeit ein kleines Stückchen weiterbringen. So war sein Handeln von äußerster Konsequenz, auch dort wo Machtstrukturen gegen ihn standen, das kostete viel seiner Kraft. Deshalb schimpften ihn manche Kritiker oder Neider einen Phantasten, was ihn insgeheim kränkte, ohne daß er es sich merken ließ.

Alles was er tat, tat er ohne Rücksicht auf seine Person, seine Gesundheit oder seine Sicherheit. Er konnte, wenn es darauf ankam, geistige und physische Kraftreserven mobilisieren, daß alle, die ihn so erlebt haben, nur staunen konnten: Wie bringt er das nur fertig?

Alles was er tat, tat er mutig und furchtlos. Es gab Zeiten, in denen man ihm Streit aufbürdete. Das war für ihn eine arge Belastung, denn er haßte den Streit als eine unsinnige Art der Auseinandersetzung, denn er war durch und durch Demokrat. Demokratie war für ihn eine Lebensform, auch dort, wo er Vorgesetzter war. Kommandant sein, hieß für ihn einer unter Gleichen zu sein, der nur kraft seines Amtes höhere Pflichten und mehr Verantwortung zu tragen hat. Die Fürsorge für seine Crew nahm er sehr ernst, er sah sie nicht begrenzt durch Vorschriften und Einsatzpläne, für ihn war sie immerwährende Pflicht. Macht hinterließ bei ihm nur wenig Eindruck, Drohungen schon gar nicht. Courage war für ihn eine selbstverständliche Lebenshaltung. Er stellte sich immer den Andersdenkenden, Angesicht zu Angesicht, er kannte in dieser Hinsicht keine Bequemlichkeit.

Alles was er tat, unterwarf er einer strengen Form, denn er hielt die Zeit für zu kostbar, ah sie mit sinnlosem Schimpf oder dummem Gerede zu vertun, so als habe er geahnt, daß seine Zeit so begrenzt war. Er achtete die angelsächsische Form in Meeting und Diskussion, Höflichkeit und Fairness, für ihn hatte der Umgang mit Menschen auch eine ästhetische Seite.

Immer wieder stockt mir die Feder, denn ich bin nicht sicher, daß meine Worte einem so außergewöhnlichen Leben gerecht werden können.

Einmal wurde ich gefragt: Seid Ihr eigentlich richtige Freunde? Aber auch für diese Frage versagten die üblichen Kategorien des menschlichen Zusammenlebens für eine richtige Antwort. Eins ist sicher, wir waren Weggefährten, dem gleichen Ziel verpflichtet, und es war ein sehr gutes Gefühl, ihn neben sich zu wissen, wenn der Wind uns ins Gesicht blies.

Einer unserer Kollegen sagte es einmal anders. Zu Gades kannst Du kommen, ganz gleich was auch geschehen sei, ein Wurstbrot und ein Bett sind Dir zu jeder Tages- und Nachtzeit sicher. Er erwartete aber auch die gleiche Haltung, weil er sie als Selbstverständlichkeit ansah, von allen, die zu seinem Lebenskreis zählten. Das mag manchem unbequem gewesen sein.

Sein Leben war von einer ungewöhnlichen Intensität. Nur so kann auch für einen 40-jährigen gelten, was andere nur an ihrem Lebensabend rückblickend aussprechen können: Das Leben war erfüllt!

Wir alle, die wir auf diese oder jene Art der Fliegerei verbunden sind, bleiben in seiner Schuld. Ich glaube zu wissen, wie wir Hans-Dieter Gades am besten unseren Dank abstatten können: ein wenig unsere Bequemlichkeit und die Wichtigkeit, die wir unserer eigenen Person beimessen, hinten an zu stellen, um uns, mehr als bislang, der Gemeinschaft verpflichtet zu fühlen.“