Fatigue im Cockpit –

Eine unterschätzte Gefahr für die Flugsicherheit

Fatigue – mehr als nur Müdigkeit

Die sichere Durchführung eines Fluges hängt entscheidend von der Leistungsfähigkeit der Besatzung ab. Eines der größten, gleichzeitig aber oft unterschätzten Risiken im Luftfahrtbetrieb ist Fatigue – also Übermüdung oder Erschöpfung. Für uns als Pilotenverband ist klar: Fatigue ist nicht nur ein persönliches Problem der Crewmitglieder, sondern ein strukturelles Sicherheitsrisiko, das professionell gemanagt werden muss.

Fatigue entsteht durch lange Dienstzeiten, unzureichende Ruhephasen, Nachtflüge oder einen gestörten circadianen Rhythmus – also den natürlichen Schlaf-Wach-Zyklus des Menschen. Besonders antizyklische Arbeitszeiten, etwa bei Nachtflügen oder Jetlag-induzierenden Umläufen, beeinträchtigen die kognitive Leistungsfähigkeit deutlich. Studien zeigen: Sekundenschlaf, verzögerte Reaktionszeiten und Fehlentscheidungen sind reale Konsequenzen, die im Cockpit fatale Folgen haben können.
 

Fatigue ist kein Gefühl – sondern ein Risiko!

von Katharina Dieseldorff und Andreas Pinheiro

Die Hauptreisezeit ist in vollem Gange. Für die Pilotinnen und Piloten bedeutet das: enge Dienstpläne, Personalknappheit und wachsender operativer Druck. Und es ist die Zeit, in der vermehrt berichtet wird, dass sich Pilotinnen und Piloten „über die Müdigkeit hinweg“ durch ihre Einsätze kämpfen müssen. Fehlende Unterstützung bei Fatigue-Meldungen und eine Unternehmenskultur, die das Thema Ermüdung bei vielen Airlines lieber ignoriert als ernst nimmt – eine Entwicklung, die uns zutiefst beunruhigt.

Das Thema ist jedes Jahr präsent. Und die VC warnt seit Langem: Müdigkeit im Cockpit ist ein massives Sicherheitsrisiko. Wer sie systematisch verdrängt, handelt fahrlässig – es ist, als würde man einem Betrunkenen den Autoschlüssel in die Hand drücken. 
Lange Zeit wurde das Problem vor allem bei Low-Cost-Carriern verortet. Doch inzwischen zeigt sich: Selbst bei großen Netzwerkgesellschaften wie Lufthansa verschlechtert sich die Lage. Ein aktuelles Beispiel ist die Entscheidung, das Fatigue Risk Management System (FRM) nach ORO.FTL.120 vollständig abzuschaffen.

Wer Müdigkeit nicht ernst nimmt, gefährdet nicht nur das Wohl seiner Beschäftigten – er gefährdet die Flugsicherheit insgesamt. Fatigue ist kein subjektives Gefühl, sondern ein klar identifizierbares und messbares Risiko.

Unsere Forderungen in Kürze

Ermüdung im Cockpit ist ein unterschätztes Risiko – mit direkten Auswirkungen auf die Flugsicherheit. Dennoch hinken Regelwerke, Aufsicht und Managementansätze der Realität hinterher. Hier sind unsere drei zentralen Forderungen zum Thema Ermüdungsmanagement auf den Punkt gebracht. 

  1. Fatigue ist eine sicherheitsrelevante Größe und muss so auch wahrgenommen werden. Es ist vergleichbar mit technischen Defekten oder schlechten Wetterbedingungen. Wir fordern Arbeitgeber, Aufsichtsbehörden und politische Entscheidungsträger auf, Fatigue ernst zu nehmen und ein modernes, verpflichtendes Fatigue Management zu etablieren. Nur so können wir gewährleisten, dass die Cockpitcrew jederzeit in der Lage ist, ihre anspruchsvolle Aufgabe sicher und verantwortungsvoll zu erfüllen.
     
  2. Die EU-Vorschriften zu Flugdienstzeiten (FTL) müssen vereinfacht und klarer formuliert werden, um ihre einheitliche Anwendung zu ermöglichen. Gleichzeitig muss die Einhaltung der FTL europaweit sichergestellt werden – durch wirksame Aufsicht der nationalen Behörden und der EASA sowie durch ein funktionierendes Ermüdungsrisikomanagement in den Fluggesellschaften. Nur so lassen sich Sicherheit und Gesundheit der Crews langfristig schützen.
     
  3. Ein wirksames Ermüdungsrisikomanagement (FRM) braucht mehr als Managementsicht – es muss auf aktueller Wissenschaft basieren und operative Erfahrungen, insbesondere die der Flugbesatzungen, einbeziehen. Das derzeitige ICAO-Leitmaterial ist veraltet und wird diesem Anspruch nicht gerecht. Wir fordern eine Überarbeitung der ICAO-Vorgaben, um ein praxisnahes, evidenzbasiertes FRM sicherzustellen. Die IFALPA-Initiative zur ICAO-Generalversammlung unterstützen wir ausdrücklich.

Flugdienstzeit-Beschränkungen

Flugdienstzeit-Beschränkungen (Flight Time Limitations, FTL) sollen Müdigkeit im Cockpit wirksam begrenzen – und damit die Sicherheit für Passagiere, Crews und alle unter der Flugroute gewährleisten. Doch die komplexen EU-Regeln werden oft uneinheitlich ausgelegt und unzureichend überwacht. Warum das gefährlich ist – und was jetzt passieren muss – fassen wir hier zusammen.

Seit dem Chicagoer Abkommen von 1944 ist anerkannt, dass Pilotenmüdigkeit (verursacht durch lange Dienstzeiten, unzureichende Ruhe-/Schlafmöglichkeiten usw.) ein Risiko für die Sicherheit des Luftverkehrs darstellen kann. Experten schätzen, dass Müdigkeit bei Piloten zu 15–20 % der tödlichen Flugunfälle beiträgt, die auf menschliches Versagen zurückzuführen sind (siehe auch „Beweis, dass Müdigkeit tödlich ist“).

Seit dem 18. Februar 2016 gelten für Betreiber des gewerblichen Luftverkehrs mit Flugzeugen europaweit einheitliche Vorschriften zur Begrenzung von Flugdienst- und Ruhezeiten, die sogenannten EASA-FTL-Regeln (Verordnung (EU) 965/2012, Teil ORO.FTL). Sie haben den vorherigen EU-Standard JAR-OPS 1 Subpart Q abgelöst. Ziel dieser Vorschriften ist es, die durch Ermüdung bedingten Risiken für die Flugsicherheit zu minimieren und somit Passagiere, Besatzungen sowie die Allgemeinheit unter den Flugrouten zu schützen.

Die Regeln decken alle Aspekte von Flugplänen ab, einschließlich solcher, die bisher nicht durch EU-Vorgaben geregelt waren (z. B. Zeitzonenüberquerungen, schlafstörende Dienstpläne, geteilter Dienst, Bereitschaftsdienste usw.). Sie ersetzen damit nationale Regelungen in diesen Bereichen durch einheitliche und harmonisierte FTL-Vorschriften in ganz Europa.

Die EASA-Regeln gliedern sich in „Implementing Rules“ (IR), also das „harte Recht“ gemäß der Verordnung 83/2014, sowie sogenannte „Soft-Law“-Regeln wie Certification Specifications (CS), Acceptable Means of Compliance (AMC) und Guidance Material (GM). Zur besseren Übersicht hat die britische Luftfahrtbehörde (UK Civil Aviation Authority) alle zugehörigen Texte (IR, AMC, GM) in einem einzigen Dokument zusammengefasst, das mittlerweile als inoffizielle Referenz für viele Akteure in der europäischen Luftfahrt gilt (siehe unten).

Problem: Fluggesellschaften als auch nationale Behörden haben nach wie vor Schwierigkeiten bei der Interpretation und einheitlichen Anwendung der EU-FTL-Regeln. Die Komplexität der Vorschriften führt dazu, dass deren harmonisierte Umsetzung weiterhin eine Herausforderung darstellt.

Hinzu kommt, dass die Überwachung der Einhaltung der Flugdienstzeit-Beschränkungen (FTL) ist unzureichend und muss verbessert werden.

Unser Appell: Die Einhaltung der Flugdienstzeit-Beschränkungen (FTL) muss auf Unternehmens-, nationaler und europäischer Ebene konsequent sichergestellt werden. Dafür braucht es einheitlich angewendete Regelungen zu den FTL, ein effektives Ermüdungsrisikomanagement durch jede einzelne Fluggesellschaft sowie eine wirksame und unabhängige Aufsicht durch die nationalen Luftfahrtbehörden und die Europäische Agentur für Flugsicherheit (EASA).
Quelle: ECA
 

Fatigue Risk Management Systems (FRMS)

Ein Fatigue Risk Management Systems (FRMS) ist ein wirksamen Instrument und der wichtigste leistungsbasierte Ansatz für Airlines zur Bewältigung der Problematik von Ermüdung bei Pilotinnen und Piloten in der zivilen Luftfahrt.

Obwohl leistungsbasierte Ansätze für Betreiber aufgrund der größeren betrieblichen Flexibilität attraktiv sind, erfordern sie auch einen umfassenderen Einsatz organisatorischer Ressourcen sowie fundiertes Wissen und Erfahrung sowohl auf Seiten der Betreiber als auch der Aufsichtsbehörden, um die angestrebten Sicherheitsziele unter praktischen Bedingungen zu erreichen.

Es wurde jedoch beobachtet, dass einige Betreiber vor allem die ökonomischen und betrieblichen Vorteile verfolgen, indem sie leistungsbasierte Ermüdungsmanagementansätze subjektiv anwenden und die Verantwortung, einen wissenschaftlich fundierten Ansatz korrekt umzusetzen, als belastend und optional betrachten. Häufig beschränkt sich dies auf die organisatorische Erfahrung eines Luftfahrtunternehmens (z. B. aus Managementsicht).

Ein wirksames Ermüdungsmanagement erfordert jedoch die Einbeziehung operativer Erfahrung aus vielen Quellen – einschließlich der Flugbesatzung. Ein vollständiges Bild des Ermüdungsrisikos setzt Informationen über Ermüdungserfahrungen von Flugbesatzungen in allen durchgeführten Einsatzarten und aus der Perspektive jedes einzelnen Besatzungsmitglieds voraus.

Unser Appell: Die derzeitigen Vorgaben der ICAO für FRMS erfüllen ihren Zweck nicht, daher muss hier nachgebessert werden. Das aktuelle ICAO-Leitmaterial zum Ermüdungsmanagement, einschließlich der vier gemeinsam verfassten Umsetzungshandbücher, entspricht nicht mehr dem Stand der aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse. Seit der letzten Ausgabe der Handbücher wurden zahlreiche neue Daten erhoben und viele operationelle Erfahrungen gesammelt. Im Rahmen der diesjährigen ICAO-Generalversammlung reicht die Internationale Pilotenvereinigung IFALPA ein Working Paper ein, das eine Verbesserung der bestehenden Regularien zum Fatigue Risk Management (FRM) fordert.

Quelle: ECA und IFALPA
 

ECA-Studie: Eine Umfrage zu Fatigue bei europäischen Piloten

Die ECA führte 2023 eine Umfrage unter 6.893 europäischen Linienpiloten durch. Die Daten wurden in der Vorbereitungsphase auf die geschäftige Sommerperiode 2023 erhoben. Sie zeigen, dass es in allen vertretenen AOC-Ländern Herausforderungen und Mängel im Fatigue Risk Management (Müdigkeitsrisikomanagement) der Betreiber gibt – ebenso wie Lücken in der behördlichen Aufsicht. Die Ergebnisse waren besorgniserregend.

Ziele der Umfrage war es, Bereiche zur Verbesserung des Müdigkeitsrisikomanagements sowohl für Betreiber als auch für Regulierungsbehörden in Europa zu identifizieren. Es wird gehofft, dass dieser Bericht in dieser Hinsicht einen Impuls für die Branche liefert, um das effektive Management von Müdigkeit kontinuierlich zu verbessern und weiterzuentwickeln – zum Nutzen aller.

53,2 % der befragten Piloten gaben an, dass das Thema Müdigkeitsrisiko in ihrer Fluggesellschaft „meistens nicht gut“ gemanagt wird. Lediglich 22,4 % berichteten, dass das Müdigkeitsrisiko „sehr gut“ oder „meistens gut“ gemanagt werde.

Ein Beispiel dafür, dass das Ermüdungsrisikomanagement nicht so effektiv umgesetzt wird, wie es sollte, wurde anhand der Meldung von Ermüdung untersucht. Nur 82,0 % der Piloten gaben an, zu wissen, wie sie eine Ermüdungsmeldung einreichen können. 

Und selbst wenn gemeldet wurde: Nur 10,8 % der Piloten antworteten, dass Ermüdungsmeldungen zu operativen Änderungen geführt haben, die die Sicherheit verbessern – was widerspiegelt, dass das Ermüdungsrisiko für die meisten Piloten größtenteils nicht gut gemanagt wird und es an Nachweisen für eine kontinuierliche Verbesserung im Umgang mit Ermüdungsrisiken fehlt.

Zu den Ereignissen

Selbstverantwortung: Ermüdung melden

Ermüdung ist eine der größten Herausforderungen für die Flugsicherheit. Um Risiken frühzeitig zu erkennen und geeignete Maßnahmen zu ergreifen, ist es essenziell, dass Pilotinnen und Piloten alle erlebten oder erwarteten Ermüdungsereignisse – sogenannte Fatigue Events – genau und sachlich melden. Nur durch umfassende und verlässliche Daten kann die Sicherheitsabteilung, insbesondere die Fatigue Safety Action Group (FSAG), Ermüdung im Betrieb bewerten, wiederkehrende Probleme identifizieren und gezielte Untersuchungen einleiten.

Warum überhaupt melden?

Das Bereitstellen genauer Informationen über sogenannte Fatigue Events – also über erlebte oder erwartete Ermüdung – ist entscheidend:

  • Es ermöglicht deiner Sicherheitsabteilung bzw. der Fatigue Safety Action Group (FSAG), Ermüdung in deinem Unternehmen zu beurteilen, Trends bei einzelnen oder wiederkehrenden Diensten zu erkennen und ggf. weitere Untersuchungen einzuleiten (z. B. mithilfe von Aktivitätsuhren oder Ermüdungsumfragen).
  • Mit diesen Informationen kann ein robusterer und proaktiverer Ansatz zur Erstellung von Dienstplänen verfolgt werden, der Ermüdung wirksam vorbeugt.
  • Es macht sichtbar – und dokumentiert – was sonst im Verborgenen bleibt. Wenn keine Berichte eingehen, könnten einige behaupten, dass Ermüdung kein Thema sei. Das kannst du verhindern.

 

Weitere Informationen

Tipps zum Ausfüllen eines Fatigue Reports (PDF) 

Selbstverantwortung-Checkliste (PDF) 

Quelle: ECA 

Ermessensspielraum des Kommandanten: Verantwortungsvoll einsetzen

In Bezug auf Fatigue ist der Ermessensspielraum des Kommandanten (Commander’s Discretion) ein wichtiges Instrument, das in Ausnahmesituationen für mehr Sicherheit und operative Flexibilität im Flugbetrieb sorgt. 2025 wurde die Verordnung, die unter anderem den Ermessensspielraum des Kommandanten regelt, aktualisiert.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Die Commander’s Discretion ist ein Instrument für unvorhergesehene Situationen, eine außergewöhnliche „Lösung“ bei Unsicherheiten in der Luftfahrt – kein Mittel zur Behebung schlechter Planung oder systemischer Fehler bei der Einsatzplanung von Fluggesellschaften.
  • Die Entscheidung liegt allein im Ermessen Ihres Kapitäns – von niemand anderem.
    Sie müssen die Crew konsultieren, die Einsatzfähigkeit beurteilen und feststellen, ob es sicher ist, die maximale Flugdienstzeit zu verlängern. Wenn nicht, dann nicht verlängern.
  • Wenn Sie sich unter Druck gesetzt fühlen, den Ermessensspielraum zu nutzen, oder feststellen, dass er routinemäßig angewendet wird, dokumentieren Sie dies und melden Sie sich bei der VC unter Flightsafety@vcockpit.de oder in unseren anonymen Briefkasten unter https://www.vcockpit.de/kontakt/.
  • Der Ermessensspielraum des Kommandanten ist keine Einbahnstraße. Er kann auch dazu genutzt werden, die Flugdienstzeit zu verkürzen oder die Ruhezeit zu verlängern, falls Sie oder Ihre Crew während der Rotation unerwartete Ermüdung verspüren und es unsicher ist, weiterzufliegen. Nutzen Sie ihn in diesem Fall ebenfalls.
  • Wir wissen, dass Fluggesellschaften Druck auf Piloten ausüben, den Ermessensspielraum zu nutzen. Wir haben die Behörden informiert, aber wenn Sie Beweise für systematische Missbräuche haben, melden Sie diese Ihrer nationalen Luftfahrtbehörde und über das vertrauliche EASA-Sicherheitsmeldesystem (CSR).

Wichtig: Der Ermessensspielraum des Kommandanten ist ein Sicherheits- und Flexibilitäts-Puffer als letztes Mittel – kein operatives Hilfsmittel für Ihre Fluggesellschaft.

ECA-Bewertung:
https://www.eurocockpit.eu/sites/default/files/2025-06/Commander%27s%20Discretion%20Guidelines%2C%20ECA%202025.pdf

Verordnung (EU) Nr. 83/2014:
https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/PDF/?uri=CELEX:32014R0083&from=SV

Commander's Discretion Guidelines der ECA (PDF)

Quelle: ECA