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v.l.n.r.: VC-Präsident Dr. Andreas Pinheiro mit den beiden ehemaligen Präsidenten Hubertus Maßmann und Viktor Jauernig. / © Vereinigung Cockpit
Hubertus, Viktor, wenn man euch zuhört, klingt das Fliegen früher fast wie ein Abenteuer. War es das?
Hubertus: Ja, das war es. Wir sind damals Umläufe geflogen, die heute kaum noch vorstellbar sind: Hamburg, Frankfurt, Rom, Kairo – und dann weiter bis Karatschi, Kalkutta oder Bangkok. Manchmal waren wir zwei Wochen am Stück unterwegs. Da wächst man zusammen. Wir waren jung, Anfang 20. Einen Simulator oder Trainingsprogramme, wie es sie heute gibt, hatten wir nicht. Meine erste Landung in Kalkutta habe ich geflogen, ohne die Maschine zuvor wirklich bedient zu haben.
Viktor: Uns wurde viel Vertrauen entgegengebracht. Im Cockpit herrschte schon immer ein besonderer Teamgeist. Man wurde an Aufgaben herangeführt und hat schnell Verantwortung übernommen. Ich war mit 21 Copilot und mit 27 Kapitän – das war damals ganz normal, weil die Branche stark gewachsen ist. Es war einfach eine andere Zeit.
Pin, wenn du das hörst – wirkt das wie eine ferne Vergangenheit?
Pin: In Teilen schon. Der Beruf ist heute härter, strukturierter, dichter getaktet. Aber das, was die Kollegen beschreiben – dieser Zusammenhalt im Cockpit – das ist geblieben. Der Beruf des Piloten ist sehr speziell. Die Anforderungen, die Verantwortung, die Arbeitsbedingungen – das alles ist schwer von außen zu verstehen. Deshalb ist es nur konsequent, dass die Vertretung aus dem Cockpit heraus entstanden ist.
Warum genau habt ihr die VC gegründet?
Viktor: Aus Wut. Und aus Notwendigkeit. Ende der 1960er-Jahre gab es einen Tarifabschluss durch die damalige Großgewerkschaft ÖTV, der für die Piloten schlicht nicht akzeptabel war. Wir fühlten uns gar nicht vertreten.
Hubertus: Es gab die Wahrnehmung – ob sie nun im Detail stimmt oder nicht –, dass der Verhandler der damaligen Gewerkschaft eigene Interessen verfolgt hat. Dass er sich mit diesem Abschluss für einen Posten im Management empfehlen wollte. Da haben viele gesagt: So geht es nicht. Wir müssen das selbst machen.
Und dann?
Viktor: Dann saßen wir am Küchentisch von Werner Joost, der später auch VC-Präsident wurde. Wir haben Weihnachtsplätzchen gegessen, Briefe geschrieben, Umschläge zugeklebt – und die ersten 100 bis 150 Kollegen angeschrieben. Wir waren eine kleine, eingeschworene Gemeinschaft.
Wie haben die Kollegen reagiert?
Hubertus: Überwältigend. Es ging rasend schnell. Fast alle waren unzufrieden mit der bestehenden Vertretung. Die VC traf einen Nerv.
Viktor: Die Leute haben sofort verstanden: Hier spricht jemand für uns – nicht über uns. Und niemand kennt das Cockpit so gut wie die, die dort sitzen.
Eine zentrale Figur war der erste (und dritte) Präsident, Dieter Gades. Wie erinnert ihr euch an ihn?
Viktor: Dieter war charismatisch und unermüdlich. Schon in der Flugschule war klar: Der übernimmt Führung. Er konnte Menschen überzeugen – und mitreißen. Wie oft saßen wir in Oberursel bei Dieter im „Hexenhäuschen“ und haben diskutiert.
Hubertus: Dieter war für diese erste Phase entscheidend. Er hat die VC geprägt wie kaum ein anderer. Der hat praktisch nicht geschlafen – kam von einem Flug, ging in eine Sitzung, traf sich mit Politikern. Und er hatte eine Gabe: Wenn er sprach, glaubte ihm jeder. Viele Konflikte konnte er damit lösen.
Pin: Eine Büste von ihm steht noch heute in der VC. Solche Persönlichkeiten sind in Gründungsphasen wichtig. Viele der Grundprinzipien, die damals entstanden sind, gelten bis heute.
Euer Weg war aber nicht konfliktfrei.
Viktor: Überhaupt nicht. Die damalige Gewerkschaft ÖTV wollte die Piloten nicht verlieren. Es gab Druck, sogar Versuche, die VC auszubremsen. Wir wollten dort nicht bleiben. In einer großen Gewerkschaft gehen die Interessen einer kleinen Gruppe wie den Piloten unter. Da entscheidet die Mehrheit – und die sitzt nicht im Cockpit.
Hubertus: Wir wussten: Entweder wir vertreten uns selbst – oder wir werden immer übergangen. Also haben wir uns durchgesetzt. Wir sind dann zu einer anderen Gewerkschaft gewechselt, der DAG. Die war zwar nicht dafür bekannt, besonders schlagkräftig zu sein, aber wir konnten unsere Interessen besser einbringen. Das die VC selbst Tarifverträge abschließen konnte, kam aber sehr viel später.
Viktor: Die Tarifarbeit war aber am Anfang der Kern der VC-Arbeit. Später kam dann die Flight-Safety-Arbeit dazu, da die Piloten natürlich tagtäglich erleben, was im Argen ist, und dazu beitragen wollten, dass sich die Sicherheit in der Luftfahrt verbessert.
Pin: Die Flight Safety ist heute die zweite zentrale Säule der VC – neben der Tarifpolitik. Gerade international hat die VC hier eine starke Stimme, weil wir diese operative Perspektive einbringen können. Wir sind Experten und geschätzte Gesprächspartner für Behörden, Politik, Wissenschaft und Medien. Das haben andere Gewerkschaften nicht.
Die VC befindet sich gerade in mehreren harten Tarifkonflikten. Gab es solche Konflikte auch damals?
Viktor: Klar. Es gab auch harte Auseinandersetzungen, aber der Wille zur Einigung war da. Man hat gerungen, aber sich respektiert – auf Augenhöhe. Regelmäßig haben wir uns mit dem Vorstand auf ein Bier getroffen. Eine solide Beziehung, wie sie für eine gute Sozialpartnerschaft wichtig ist.
Pin: Heute haben wir ein anderes Level erreicht. Carsten Spohr redet nicht mit uns. Die VC ist massiv unter Angriff, der Arbeitgeber möchte eigentlich, dass die VC verschwindet. Man wird auf persönlicher Ebene angegriffen, mit Falschaussagen wird Stimmung gemacht. Dass wir von Arbeitgeberseite einmal so bekämpft werden, hätten wir nicht gedacht.
Viktor: Ihr steht vor großen Herausforderungen, aber ich bin zuversichtlich, dass ihr sie meistert. Die VC war stets geprägt von Zusammenhalt: Piloten vertreten Piloten. Und das wird sich nicht ändern.
Zum Schluss ganz kurz: Was macht die VC aus?
Viktor: Die VC steht für Gemeinschaft, für den starken Zusammenhalt unter Piloten.
Hubertus: Haltung und das klare und konsequente Eintreten für die Interessen der Beschäftigten im Cockpit und eine sichere Luftfahrt.
Pin: Resilienz – die VC ist fest in der Pilotenschaft verankert und wird auch diese Phase erfolgreich bewältigen.
Viktor Jauernig (81) war von 1978 bis 1981 der 4. Präsident der Vereinigung Cockpit (VC) und gehörte zu ihren Gründungsmitgliedern. Seine fliegerische Laufbahn bei der Lufthansa begann nach seiner Ausbildung von 1965 bis 1967 mit dem Einsatz als First Officer; 1973 wurde er Kapitän und flog zuletzt den A330 und A340. Im Jahr 2005 schied er als aktiver Pilot aus.
Hubertus Maßmann (90) war von 1981 bis 1987 der 5. Präsident der Vereinigung Cockpit und ebenfalls Gründungsmitglied der VC. Seine Karriere bei der Lufthansa begann 1957 mit der Ausbildung, zwei Jahre später wurde er First Officer. In den letzten 18 Jahren seiner aktiven Laufbahn war er Kapitän auf der Boeing 747. Im Jahr 1995 beendete er seine fliegerische Tätigkeit.