Tarif

„Das ist friss oder stirb“

Die drohende Schließung der Ryanair-Basis in Berlin sorgt für massive Verunsicherung unter den Piloten. Offiziell geht es um wirtschaftliche Gründe – doch viele Betroffene sehen einen anderen Zusammenhang. Im Gespräch erklärt Lukas Budde, Mitglied der VC-Tarifkommission und des Betriebsrats der Berliner Ryanair-Piloten, was die Entscheidung für die Beschäftigten konkret bedeutet, wie Druck aufgebaut wird – und warum der Zusammenhalt unter den Piloten jetzt entscheidend ist.

Lukas, was bedeutet die drohende Schließung der Basis für euch konkret?

Vor allem Unsicherheit. Wir wissen im Moment schlicht nicht, wie es weitergeht. Offiziell heißt es, die Base soll im Oktober schließen. Gleichzeitig lässt sich das Unternehmen aber eine Hintertür offen. Das heißt: Wir hängen in der Luft – beruflich und privat.

Sollte die Base tatsächlich geschlossen werden, bedeutet das für viele: Umzug ins Ausland oder faktisch das Ende der Karriere bei Ryanair. Uns werden Alternativen angeboten – aber die liegen dann in Irland, Großbritannien, Polen oder sogar in Drittstaaten wie Albanien oder Marokko. Das fällt alles in die Kategorie „friss oder stirb“.

 

Keine Versetzung innerhalb Deutschlands?

Genau das wäre die naheliegende und vernünftige Lösung. Es gibt mehrere Basen in Deutschland. Aber die werden systematisch außen vor gelassen. Stattdessen heißt es: Geh dahin, wo wir dich brauchen – oder geh komplett.

Das Modell ist klar: Man wird nicht gekündigt. Aber die Angebote sind so unattraktiv, dass manche am Ende selbst kündigen. Und so spart sich das Unternehmen Abfindungen. Das ist die Methode Ryanair.

 

Wie wirkt sich das auf euer Leben aus?

Extrem. Wir reden hier nicht nur über Jobs, sondern über Lebensmittelpunkte. Viele haben Familien, Freunde, ihr Zuhause in Berlin. Pendeln wäre theoretisch möglich – aber auf Dauer kaum machbar und mit hohen Kosten verbunden. Fünf Tage arbeiten, vier Tage frei, ständig zwischen Ländern hin- und herfliegen, einen zweiten Wohnsitz – das zermürbt.

 

Ihr vermutet, dass ein durch den Betriebsrat erstrittenes Gerichtsurteil Ryanair zu diesem Schritt veranlasst hat?

Ryanair argumentiert zwar, dass die drohende Schließung ökonomisch begründet ist. Das halten wir jedoch für vorgeschoben. Der Zusammenhang ist aus unserer Sicht offensichtlich: Anfang April wurde das Dienstplanmodell der deutschen Ryanair-Piloten von 5/4 auf 5/3 umgestellt – also weniger freie Tage und mehr Belastung.

Wir haben uns als Betriebsrat juristisch dagegen gewehrt und ein Urteil erwirkt, wonach die Berliner Piloten wieder zum 5/4-Modell zurückkehren müssen. Kurz darauf kam die Ankündigung der Schließung.

In Deutschland gibt es nur am Standort Berlin einen Betriebsrat. Und dort wird jetzt die Basis geschlossen. Ohne Base kein Betriebsrat. Das ist die einfachste Form, Mitbestimmung loszuwerden. Und es sendet ein Signal an alle anderen Standorte.

 

Wer Mitbestimmung einfordert, riskiert den Standort?

So wirkt es. Es geht um Abschreckung für andere Standorte – und um Spaltung innerhalb der Pilotenschaft. Die Kolleginnen und Kollegen an anderen Basen bleiben vorerst im 5/3-Modell.

Genau hier entscheidet sich aber, wie stark wir wirklich sind: ob wir uns auseinanderdividieren lassen – oder ob wir gemeinsam auftreten. Am Ende hängt alles davon ab, ob wir geschlossen bleiben.

 

Was passiert als Nächstes?

Wir bereiten uns darauf vor, dass es zur Schließung kommt. Das bedeutet, auf unserer Agenda steht nun das Thema Sozialplan, den wir für die Berliner Kollegen vorantreiben werden.

 

Ein letzter Satz: Was steht für euch auf dem Spiel?

Mehr als nur ein Standort. Es geht darum, ob Mitbestimmung bei Ryanair überhaupt eine Chance hat. Und darum, ob wir zulassen, dass Arbeitsbedingungen gegeneinander ausgespielt werden. Deshalb ist es so wichtig, dass wir als Kolleginnen und Kollegen zusammenstehen.