Arne Karstens, Sprecher der Group Tarifkommission / @ Vereinigung Cockpit e.V.

Tarif

„Das Problem sind nicht unsere Verträge, sondern Management-Fehler“

GTK-Sprecher Arne Karstens reagiert auf die Aussagen von Lufthansa-Chef Jens Ritter zur Altersvorsorge der Pilotinnen und Piloten der Lufthansa und Lufthansa Cargo. Im Interview wirft er dem Management vor, seit Jahren gezielt Druck auf die Lufthansa Passage aufzubauen – und die Piloten dabei als Schuldige darzustellen.

Arne, Lufthansa-Chef Jens Ritter hat in einem internen Interview gesagt, die Forderungen der Pilotinnen und Piloten zur betrieblichen Altersvorsorge seien nicht finanzierbar. Ist da was dran?

Arne Karstens: Nein. Lufthansa schreibt Gewinne, plant eine Dividende auszuschütten, und nach Aussagen des Managements läuft das „Turnaround“-Sparprogramm nach Plan. Die Lufthansa Passage steht nach Auffassung der VC viel besser da, als nach außen kommuniziert wird. Wie sich die einzelnen Geschäftsergebnisse auf die jeweiligen Gesellschaften verteilen und welche internen Verrechnungsschlüssel es für Leistungen wie unter anderem Wartung gibt, möchten wir seit Jahren wissen. Hierzu wird uns leider jegliche stichhaltige Auskunft verweigert.


Außerdem hat er gedroht, Flugzeuge in profitablere Flugbetriebe zu verlagern. 

Arne Karstens: Diese Drohung kennen wir längst. Flugzeuge werden seit Jahren verlagert – völlig unabhängig von Vereinbarungen oder Tarifverträgen, die wir abgeschlossen haben. Fakt ist: Durch die Zersplitterung in viele kleinere Gesellschaften sind erst Ineffizienzen und Kosten entstanden, die es bei einer Lufthansa früher nicht gab. Das Management geht diesen Weg konsequent weiter – und schiebt die Schuld immer wieder unseren Tarifverträgen zu.


Ritter behauptet also, eure Verträge seien das Problem. Wo siehst du die wahren Ursachen?

Arne Karstens: Das Problem sind nicht unsere Verträge, sondern Management-Fehler. Zwei Beispiele: Erstens – nicht unser Manteltarifvertrag von 2023 hat die Produktivität gesenkt, sondern die falsche Allokation von Flugzeugen und Piloten nach Corona. Da war Lufthansa ohnehin schon stark geschrumpft. Zweitens – das Management schiebt die angeblichen Kosten immer uns Piloten zu. Dabei zeigen andere Netzwerkairlines, dass es anders geht: In den Niederlanden gibt es bessere Arbeitsbedingungen als bei uns, Wachstum von 3.000 auf 4.000 Piloten im Haustarifvertrag – und trotzdem solide Gewinne.


Trotzdem heißt es immer wieder, die Piloten seien besonders teuer.

Arne Karstens: Das ist schlicht unfair. Wir waren immer zu Zugeständnissen bereit:

  • 2017 haben wir 15 Prozent abgegeben – keine andere Berufsgruppe hat so viel beigetragen.
  • In Corona haben wir die größten Zugeständnisse gemacht, während sich der Vorstand sogar Boni genehmigt hat.
  • Seit 2017 haben wir die geringsten Streikkosten verursacht – in der Gunst der Arbeitgeberseite steht trotzdem eine andere Gewerkschaft, rein taktisch.
  • Unser Vergütungstarifvertrag wird als „Sargnagel“ der Lufthansa Passage bezeichnet – obwohl vergleichbare Erhöhungen fast alle Beschäftigten bekommen haben.


Du sagst also, das ist eine bewusste Strategie des Managements?

Arne Karstens: Ja, genau das. Wir wollen keinen Wettbewerb zwischen Gewerkschaften oder Beschäftigtengruppen. Aber die Realität ist: Unter der aktuellen Führung der LH werden wir Piloten – vor allem die Kollegen der Lufthansa Passage – systematisch zu Gegnern erklärt und denunziert. Das ist bewusstes Handeln. Und so wird die Passage, das Herz des Konzerns, immer wieder unter Druck gesetzt – während gleichzeitig mit dem Finger auf uns gezeigt wird.