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Die Geschichte der Discover-Tarifkommission ist eine Geschichte von Hoffnung und Kampfgeist – und von Enttäuschung. 20 Monate Arbeit, hunderte Stunden Engagement, eine Petition mit mehrheitlicher Unterstützung – am Ende wurde sie durch eine überraschende Verdi-Tarifierung übergangen.
Als im Jahr 2021 die Ferienfluggesellschaft Discover in der Lufthansa-Gruppe gegründet wurde, war die Stimmung in der Branche gemischt. Für viele Piloten war es ein Neustart nach der Pandemie, für manche gar eine Rettung in letzter Minute. Doch die Bedingungen waren schwierig: befristete Verträge, fehlende Tarifbindung, keine klaren Perspektiven. „Von Anfang an war spürbar, dass es an Struktur und Sicherheit fehlte“, erinnert sich Ivo Menke, der stellvertretende Sprecher der Discover-Tarifkommission. „Für mich war sofort klar, dass wir uns organisieren und eine starke Vertretung aufbauen müssen.“
Gemeinsam mit Lucas Korte, Sprecher der Tarifkommission, der nach dem Ende von SunExpress Deutschland im Januar 2022 zu Discover wechselte, begann der Aufbau einer Arbeitnehmervertretung. Zunächst informell, denn gewerkschaftliches Engagement wurde seitens des Managements nicht gern gesehen. Doch schon bald wurde die Arbeit sichtbarer: Erste Wahlen, Rundschreiben, Mitgliederumfragen. „Uns war wichtig, dass jeder Kollege, jede Kollegin – egal ob Mitglied oder nicht – die Möglichkeit hat, seine Themen einzubringen“, berichtet Korte. Sehr viele Rückmeldungen flossen in einen Forderungskatalog, der die Grundlage für die ersten Verhandlungen bildete. Schnell wurde klar: Die Kernpunkte sollten ein Manteltarifvertrag (MTV) und ein Vergütungstarifvertrag (VTV) sein. Themen wie Flugdienstzeitbegrenzungen, Vergütungsstrukturen, Loss of Licence und Altersvorsorge gehörten zu den Prioritäten.
Im Dezember 2022 begann die Tarifkommission offiziell ihre Arbeit am Verhandlungstisch. Über 20 Monate zogen sich die Gespräche hin – mal intensiv, mal quälend langsam. „Typische Hinhaltetaktiken“, beschreibt Korte. „Unvorbereitete Termine, verschleppte Gespräche – alles, um uns mürbe zu machen.“
Doch die TK blieb standhaft. Im Dezember 2023 rief sie zu einem Warnstreik auf – ein Signal an die Geschäftsführung, dass die Piloten bereit waren, für ihre Forderungen einzustehen. „Natürlich wurde uns gleich der Untergang prophezeit“, erinnert sich Menke. „Man sagte uns: Wenn ihr streikt, geht die Discover kaputt. Aber wir wussten, dass das nicht stimmt“
Viele Punkte waren bereits ausverhandelt: Eine Flugdienstzeitentabelle, die die Belastung der Piloten begrenzen sollte, konkrete Planungsgrundlagen bei Themen wie sehr frühem Dienstbeginn oder freien Tagen nach langen Umläufen, etc. im MTV sowie eine Interlock-Tabelle im VTV, die bei Beförderungen faire Eingruppierungen sichern sollte.
Während die VC-Tarifkommission weiterverhandelte, wurde hinter den Kulissen ein anderer Weg eingeschlagen. Parallel begann der Arbeitgeber, mit Verdi zu verhandeln. „Es war völlig intransparent“, sagt Korte. „Keine Rundschreiben, keine offenen Gespräche, keine Informationen an die Belegschaft - lediglich eine kurze Info dazu seitens der Geschäftsführung in einem Webcast.“ Im Sommer 2024 war der Abschluss da: Discover hatte MTV und VTV – aber mit Verdi. Für Menke ein schwerer Schlag: „Das kam einem Verrat gleich. Verrat nicht an uns, die so viel Arbeit investiert haben, sondern vor allem Verrat an den Kolleginnen und Kollegen, die mehrheitlich per Petition die VC als Tarifpartner gefordert hatten.“_
Zwar übernahm das Verdi-Tarifwerk in Teilen die Vorarbeit der VC – insbesondere die Entgelttabellen. Doch viele Schutzmechanismen fehlten. „Die Flugdienstzeitentabelle wurde gestrichen, die Interlocktabelle wurde durch Umgehungen und dadurch resultierende Neuregelungen durch eine Matrix komplett anders geregelt. In Zeiten weniger Upgrades ist das ein Verlust“, erklärt Korte.
Auch weitere wichtige Punkte blieben offen: eine betriebliche Altersversorgung (BAV), eine Loss-of-Licence-Versicherung (LOL) und eine Übergangsversorgung (ÜV). „Wir hatten Teile dieser Themen ebenfalls in den Verhandlungen.“
Unter den rund 500 Piloten von Discover war die Stimmung zwiespältig. Viele fühlten sich übergangen, manche waren erleichtert, dass es überhaupt ein Tarifwerk gab. „Natürlich sind wir dankbar, dass es MTV und VTV gibt“, sagt Korte. „Aber es ist ein Minimalkompromiss, der in entscheidenden Punkten nicht schützt.“ Vor allem die fehlende Transparenz der Verdi-Verhandlungen stieß auf Kritik. „Bis heute gibt es bei Themen wie Konfliktlösungsmechanismen Absprachen zwischen Arbeitgeber und Verdi, die niemand der Belegschaft kennt“, erklärt Korte. „Niemand weiß, wie sehr Konfliktlösungsmechanismen die Belegschaft der Discover einschränken, könnte die Belegschaft mit Verdi ihre Interessen überhaupt durchbringen?“, ergänzt Menke.
Trotz der Enttäuschung blieb der Rückhalt für die VC stabil. „Wir haben nach dem Abschluss kaum Austritte erlebt“, sagt Menke. „Die Kollegen wissen, dass nur die VC die Erfahrung und den Konzernüberblick hat, um unsere Interessen langfristig zu sichern.“
Eine Schlüsselrolle spielt dabei die Group-Tarifkommission (GTK), in der die VC die Interessen aller Flugbetriebs-Tarifkommissionen der Lufthansa Group bündelt. „Die GTK verhindert, dass der Konzern einzelne Airlines gegeneinander ausspielt“, erklärt Korte. „Genau deshalb war sie dem Arbeitgeber ein Dorn im Auge.“ Für die Piloten ist die GTK ein wichtiges Instrument, um langfristig Karrierewege und Wachstumsperspektiven zu sichern. „Ob Langstreckenpläne oder Upgrades – ohne klare Regelungen bleiben unsere Kollegen von der Willkür des Arbeitgebers abhängig“, sagt Menke.
Die Discover soll laut Konzernplänen wachsen. „Entwicklungsmöglichkeiten gibt es aber im Moment kaum“, sagt Menke. „Wir haben keinen geregelten Karrierepfad, keine Senioritätsliste und keine berechenbare ‚Time to Captain‘.“ Was bleibt, ist das Ziel der TK: eine Tarifierung mit der VC, die langfristige Sicherheit schafft. „Wir wollen Tarifwerke, die über MTV und VTV hinausgehen – mit Altersversorgung, klaren Karrierewegen und echter Absicherung“, so Korte.
Aufgeben werden wir, die FTK und die GTK, nicht. „Wir wissen, dass die VC die bessere Lösung für die Piloten ist“, sagt Menke. „Und wir werden weiter dafür kämpfen.“ Denn eines ist klar: Nur mit starken, fachlich fundierten Tarifwerken wird Discover eine Zukunft haben, die den Piloten mehr bietet als Unsicherheit. Oder, wie es Korte formuliert: „Wir wollen, dass Discover so attraktiv wird, dass andere Group-Piloten freiwillig zu uns kommen. Aber das geht nur mit Tarifwerken, die den Namen verdienen.“

Ivo Menke, langjähriges VC-Mitglied, Mitglied der GTK und stellvertretender Sprecher der Discover FTK, ist im Januar plötzlich und unerwartet verstorben. Dieser Artikel mit Ivo Menke und Lucas Korte ist noch im vergangenen Jahr entstanden und wurde in der aktuellen Ausgabe der VC Info veröffentlicht.
Derzeit bereiten wir einen Nachruf für die kommende Ausgabe vor, in dem wir seine Arbeit und sein großes Engagement noch einmal aufgreifen, um sein Wirken angemessen zu würdigen.