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Warum bist du Pilotin geworden?
Eigentlich wollte ich immer Ärztin werden, am liebsten Chirurgin. In der zehnten und elften Klasse habe ich dann Praktika gemacht und gemerkt: Das ist nicht das, was ich mir vorgestellt habe. In der zwölften war ich auf der Suche nach einer Alternative. An einem Sommertag lag ich mit einer Freundin im Garten, wir haben darüber gesprochen, was ich machen könnte – und dann flog ein Flugzeug über uns hinweg. Sie sagte eher scherzhaft: „Werd doch Pilotin.“
Ich fand die Idee sofort großartig. Fliegen habe ich immer geliebt. Mein Vater kommt aus Südamerika, wir waren in meiner Kindheit öfter bei den Großeltern, und diese Reisen haben mich geprägt. Danach habe ich mich intensiv mit dem Beruf beschäftigt – und es einfach probiert.
Hattest du Vorbilder?
Als ich mich auf den Einstellungstest vorbereitet habe, habe ich über drei Ecken eine Co-Pilotin der Lufthansa kennengelernt, die auf derselben Schule gewesen war wie ich. Wir hatten damals viel Kontakt per Mail, und ich konnte sie alles fragen, was mir durch den Kopf ging. Das hat mir unglaublich geholfen, weil ich sonst niemanden in meinem Umfeld hatte, der etwas mit der Fliegerei zu tun hatte.
Hat es in deinem Berufsleben eine Rolle gespielt, dass du eine Frau bist?
Ja. Es begann schon in der Ausbildung. In Phoenix sagte ein Fluglehrer beim ersten Briefing: „I think that women belong behind the cockpit door.“ Später auf der Linie meinte ein Ausbilder, es sei für ihn schwierig, ein junges „Mädchen“ zu kritisieren – einen gestandenen 1,90-Meter-Mann könne man einfacher zurechtweisen. Ich sei ja kaum älter als seine Tochter, die damals zwölf war. Er ließ mich vom ersten Flug an in alles hineinlaufen und nahm seine Ausbilderrolle kaum wahr – weil ich eine Frau war. Das ging damals ganz schön an meine Substanz. Beim nächsten Umlauf hat mich eine hervorragende Ausbilderin wieder bestärkt und motiviert.
Später gab es aber immer wieder Kommentare wie: „Für eine Co-Pilotin fliegst du aber ganz gut“, „Ihr Frauen könnt ja eh nicht fliegen“ oder „Ihr Frauen seid viel zu emotional, um gute Piloten zu werden“. Natürlich gibt es aber auch das Gegenteil. Ich höre bis heute auch oft: „Oh, endlich mal eine Frau im Cockpit – das hatte ich schon lange nicht mehr.“
Warum sollte sich eine junge Frau dafür entscheiden, Pilotin zu werden?
Junge Frauen und Mädchen, die sich für Technik oder fürs Fliegen interessieren, sollten ihrer Passion folgen. Ja, es ist ein Männerberuf – aber genau deshalb braucht es mehr Frauen.
Vielleicht denken Frauen manchmal anders. Aber genau darin liegt doch die Chance. Im Cockpit braucht es oft viele Ideen, um dann den besten Weg zu finden – schnell und sicher. In der Ausbildung lernt man das Handwerkszeug, und im Beruf erfüllt man die Anforderungen oder eben nicht. Das ist völlig unabhängig vom Geschlecht.
Einen Beruf an ein Geschlecht zu knüpfen, ist gesellschaftlich leider noch immer oft vorgegeben. Genau da sollten junge Mädchen den Mut haben auszubrechen. Ein guter Pilot oder eine gute Pilotin hängt von vielem ab – aber sicher nicht vom Geschlecht.
Warum engagierst du dich in der VC?
Soziales Engagement war mir immer wichtig. Es ist leicht zu meckern – aber ändern lässt sich nur etwas, wenn man selbst etwas tut. Ich setze mich aus Überzeugung dafür ein, dass unser Beruf auch langfristig ein guter Beruf bleibt: mit fairen Arbeitsbedingungen, mit Perspektiven, mit Aufklärung.
Und vielleicht können wir auch junge Menschen begeistern – das ein oder andere Mädchen oder die ein oder andere junge Frau erreichen, die nur eine Idee braucht. So wie ich damals im Garten, als ein Flugzeug über uns hinwegflog.