CityLine-Pilotin und VC-Vorständin Anja Granvogl / © Vereinigung Cockpit e. V.

“Der Arbeitgeber versucht, Druck auf uns aufzubauen, weil ihm selbst ein sauberer Ausweg fehlt”

Ein Gespräch mit VC-Vorständin und CityLine-Pilotin Anja Granvogl über Zusammenhalt, Verunsicherung – und den Versuch, die CityLiner weichzukochen.

Anja, viele CityLiner haben derzeit das Gefühl, dass die permanente Kommunikation des Arbeitgebers vor allem einem Zweck dient: die Menschen mürbe zu machen. Ist das übertrieben?

Aus meiner Sicht täuscht das Gefühl nicht. Es wird von Seiten des Arbeitgebers unglaublich viel kommuniziert. Auf allen Ebenen. Immer wieder wird gesagt: „Macht euch euren eigenen Plan B“, „Es wird lange dauern.“ Und natürlich macht das etwas mit den Menschen.

Irgendwann fangen Leute an zu überlegen: Vielleicht muss ich doch alleine loslaufen. Vielleicht muss ich mich selbst absichern. Im Rahmen von sog. Sondierungen lassen wir nichts unversucht, gute Lösungen für unsere Leute zu finden. Gregor Winkler hat es neulich ganz treffend gesagt: Der Konzern will wachsen. Das geht nur mit uns CityLinern. 

 

Du vermutest dahinter eine Strategie?

Natürlich. Je mehr Leute gehen, desto einfacher wird es am Ende für den Arbeitgeber.

Ein Kollege hat nach einem Management-Call ein KI-Bild gepostet: Die Geschäftsführung steht an einem Apfelbaum und schüttelt daran. Die Äpfel sind die Piloten. Darunter stand: „Mal schauen, wie viele noch fallen.“  Wir dürfen nicht die Äpfel sein, die vom Baum fallen. 


Was meinst du, steckt hinter der umfassenden Kommunikation des Arbeitgebers?

Ich denke mittlerweile, er macht das, weil er für sein Problem keine Lösung hat.

Wenn er andere Mittel hätte, würde er sie nutzen. Wenn der Arbeitgeber die Möglichkeit hätte, die Leute schnell und unproblematisch zu versetzen oder einfach Fakten zu schaffen – dann würde er das sicherlich tun. 

Dass stattdessen so viel kommuniziert wird, auf allen Ebenen, zeigt für mich eher:  Der Arbeitgeber versucht, emotional Druck auf uns aufzubauen, weil ihm selbst ein sauberer Ausweg fehlt.
 

Lass uns nochmal über die CityLine reden. Sie galt immer als ein besonderer Betrieb mit einem ganz besonderen Spirit.

Ja, total. Die CityLine war für viele eben mehr als nur ein Arbeitgeber. Die Firma haben die Menschen ausgemacht. Bei uns wurde immer geschaut: Wer passt ins Team? Wer passt zu dieser Art, miteinander zu arbeiten? Und dieses „Wir als Crew“ war nie nur Cockpit. Das waren auch Techniker, Crewplaner, Kabine – eigentlich alle.

Wir haben das wirklich gelebt. Auf meinem letzten AVRO Umlauf haben Techniker uns Fotos von unserem Anflug im Sonnenuntergang gesendet, weil sie wussten, dass uns das eine Freude macht. Das klingt nach Kleinigkeiten, aber genau das zeigt den besonderen Zusammenhalt.

 

Das klingt fast familiär.

Ja, weil die Firma klein war. Man konnte sich nicht aus dem Weg gehen. Wenn du bei einer großen Airline mit Tausenden Leuten fliegst, sieht man sich meist so schnell nicht wieder. Bei uns lief man sich ständig über den Weg. Da muss man als Team funktionieren.

Und das hat man auch gespürt. Gerade auf kleineren Flotten war dieses enge Miteinander unglaublich wichtig.

 

Du beschreibst CityLine oft als „kleines gallisches Dorf“.

Ja, weil wir uns immer so gefühlt haben. Klein, ständig unter Druck, ständig dabei, uns beweisen zu müssen. 

Wir sind unglaublich stolz auf diese Airline. Wenn es darauf ankam, haben sich bei uns immer alle reingekniet. Bei Flotteneinführungen, bei neuen Projekten – da haben Leute praktisch Tag und Nacht gearbeitet, weil klar war: Das ist unsere CityLine.

Und genau das enttäuscht viele heute so sehr.

 

Weil sie das Gefühl haben, alles gegeben zu haben?

Die meisten hätten unglaublich viel getan, um diese Airline zu erhalten. Niemand hatte dieses „Dann halt nicht“-Gefühl. Eher im Gegenteil.

Und deshalb ist dieser Zusammenhalt bei der großen Mehrheit bis heute auch noch da. Trotz aller Unsicherheit. Trotz aller Kommunikation durch die Arbeitgeberseite. Weil viele immer noch das Gefühl haben: Wir sind eben nicht irgendeine Airline. Wir sind Cityline!