„Die abschreckende Wirkung ist verheerend“

Am 24. Oktober schließt Ryanair seine Basis am BER. Die betroffenen Piloten sind überzeugt: Die Schließung ist aus ihrer Sicht eine Konsequenz daraus, dass sie sich für ihre Arbeitnehmerrechte eingesetzt haben.

Rund 100 Ryanair-Piloten verlieren ihren bisherigen Arbeitsplatz in Berlin. Die meisten werden ins Ausland versetzt. Familien werden auseinandergerissen, Beschäftigte vor die Wahl gestellt: Weggehen oder den Job verlieren. Am 24. Oktober schließt Ryanair seine Berliner Basis endgültig. Magnus Latus war fast zehn Jahre Copilot bei Ryanair und Mitglied der Tarifkommission der Vereinigung Cockpit (VC). Er verlässt das Unternehmen. Im Interview spricht er über verzweifelte Kollegen, seine persönliche Enttäuschung und seine Vermutung, dass mit der Schließung ein Exempel statuiert werden sollte, um Piloten in ganz Europa einzuschüchtern.  

 
Magnus, am 24. Oktober schließt Ryanair seine Berliner Station endgültig. Was passiert jetzt mit den rund 100 Piloten? 
Die meisten wurden ins Ausland versetzt, vor allem nach Italien, einige nach Polen. Nur ganz wenige konnten in Deutschland bleiben. Für viele ist das eine persönliche Katastrophe. Sie haben Kinder, Familien, Häuser in Berlin oder Brandenburg. Jetzt sollen sie plötzlich Tausende Kilometer entfernt arbeiten. Entweder sie ziehen mit ihrer Familie um oder sie pendeln ständig zwischen zwei Ländern. Das belastet Beziehungen und Familien enorm. Da brechen ganze Lebensplanungen zusammen. 

 
Hieß es für die Piloten tatsächlich: Umziehen oder Job verlieren? 
Im Grunde ja. Wer die Versetzung nicht akzeptiert, muss sich einen anderen Arbeitgeber suchen. Und verliert dabei seine über Jahre erworbene Seniorität. Einige ältere Kollegen haben deshalb vorzeitig aufgehört. Aber die meisten sind auf ihren Job angewiesen und haben die Versetzung akzeptiert. Von einer freien Entscheidung kann man da kaum sprechen. Dazu kam die Unsicherheit. Viele wussten lange nicht einmal, wohin sie geschickt werden sollten. 
 

Du selbst verlässt Ryanair nach fast zehn Jahren.  
Meine Partnerin und ich haben ein Haus direkt in der Nähe des BER. Ich hatte hier nahezu ideale Bedingungen. Jetzt werde ich beruflich komplett neu anfangen. Ich will möglichst nicht mehr für einen Ultra-Low-Cost-Carrier arbeiten. Ich habe nach diesen Erfahrungen genug. Was mich besonders enttäuscht: Wir haben jahrelang für bessere Arbeitsbedingungen gekämpft. Und am Ende verlieren wir unsere Basis. 
 

Im April hat sich euer Betriebsrat juristisch gegen eine Verschlechterung eurer Dienstpläne gewehrt – und gewonnen. Das Bundesarbeitsgericht hat entschieden, dass für die Berliner Piloten wieder die alten Dienstpläne gelten. Kurz darauf kündigte Ryanair die Schließung der Berliner Station an. Glaubst du an einen Zufall? 
Daran glaube ich nicht! Ich persönlich bin überzeugt, dass das Urteil ein entscheidender Faktor war. Ryanair verweist auf hohe Standortkosten. Natürlich gibt es wirtschaftliche Probleme in Berlin. Aber ich halte diese Begründung für vorgeschoben. Wir haben uns mithilfe des Betriebsrats erfolgreich gegen die Umstellung unseres Dienstplanmodells von 5/4 auf 5/3 gewehrt. Und kurz darauf wird unsere gesamte Basis geschlossen. Ich habe den Eindruck, dass hier gezielt versucht wird, gewerkschaftliche Mitbestimmung zu unterdrücken. Für mich ist das Union Busting. 
 

Was bedeutet das für die Mitbestimmung bei Ryanair in Deutschland? 
Ich glaube, dass Ryanair damit ein unmissverständliches Signal setzen wollte: Wer sich für seine Rechte einsetzt, muss mit Konsequenzen rechnen. Die abschreckende Wirkung ist verheerend. Wer traut sich künftig noch, gegen Verschlechterungen vorzugehen, wenn er befürchten muss, am Ende seinen Arbeitsplatz zu verlieren? Man muss Mitbestimmung nicht offiziell verbieten, wenn die Beschäftigten aus Angst darauf verzichten. Das sollte uns allen zu denken geben. 
 

Ryanair kann seine Flugzeuge einfach in andere Länder verlegen. Sind die Gewerkschaften machtlos? 
Ryanair agiert europaweit, die Gewerkschaften dagegen überwiegend national. Denn Arbeitsrecht und Tarifpolitik sind national geregelt. Diesen strukturellen Vorteil nutzt Ryanair aus: Das Unternehmen kann Basen schließen, Flugzeuge in andere Länder verlagern und Beschäftigte gegeneinander ausspielen. Deswegen ist die europäische Zusammenarbeit der Gewerkschaften so wichtig.  
 
 
Bereust du deinen Einsatz für besser Arbeitsbedingungen? 
Nein! Es war richtig, für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen. Wir dürfen uns nicht entmutigen lassen, sondern müssen uns weiter für gute Arbeitsbedingungen aller Ryanair-Piloten einsetzen. 

 
Nach allem, was in Berlin passiert ist: Woher nimmst du noch die Zuversicht? 
Was wäre die Alternative? Resignieren ist keine Lösung. Machen wir uns keine Illusionen: Was in Berlin passiert ist, kann sich jederzeit wiederholen. Das sollte allen Ryanair-Piloten in Europa zu denken geben. Umso wichtiger ist es, dass wir füreinander einstehen und uns gegenseitig den Rücken stärken. Ich bin fest davon überzeugt, dass das Verhalten des Ryanair-Managements die Piloten in ganz Europa noch enger zusammenschweißen wird. 

Das Gespräch mit Magnus haben wir am 15.10.2026 geführt.