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Tim Würfel (Quelle: privat)
Tim, wir erleben aktuell einen sehr ungewöhnlichen Tarifkonflikt. Der Arbeitgeber nennt öffentlich Altersbezüge von 8.400 Euro und Jahresgehälter von 350.000 Euro für Kapitäne. Gleichzeitig gibt es im bAV-Konflikt seit Verhandlungsbeginn vor knapp einem Jahr kein Angebot – nicht einmal ein Teilangebot. Wenn man das zusammennimmt, entsteht der Eindruck: Die Arbeitgeberseite verhandelt nicht, da es ihr anscheinend um etwas anderes geht. Wie siehst du das?
Ich sehe das genauso. Die 8.400 Euro beziehen sich auf eine historische Standardkarriere: 35 Jahre Betriebszugehörigkeit, viele Jahre als Kapitän, ein Berufsleben, das so heute bei Lufthansa nicht mehr stattfindet. Das betrifft im Wesentlichen die Jahrgänge, die jetzt in Rente gehen. Für 40-Jährige oder Jüngere ist das schlicht keine realistische Erwartung mehr. Es geht also darum die Öffentlichkeit durch falsche Verallgemeinerungen gegen uns einzunehmen.
Wenn diese Zahl von der Arbeitgeberseite dennoch prominent gespielt wird, dann nicht, um Transparenz herzustellen, sondern um ein bestimmtes Bild zu erzeugen. Es entsteht der Eindruck überhöhter Versorgung – ohne Kontext, ohne Differenzierung. Und gleichzeitig gibt es kein Angebot, kein konstruktives Signal, keinen ernsthaften Verhandlungsfortschritt. Das fühlt sich nicht nach einer normalen Tarifrunde an. Das fühlt sich nach einem strategischen Angriff durch die Arbeitgeberseite an. Einem Angriff auf die VC als Vertretung der Piloten.
Du warst selbst lange im Vorstand der VC und auch ihr Präsident und hast harte Tarifkonflikte erlebt. Auch damals ging es hoch her. Was unterscheidet die aktuelle Situation von früher?
Natürlich gab es auch früher harte Konflikte. Aber es gab trotz aller Härte eine Sachebene. Man hat gerungen. Man hat gesagt: „Diesen Punkt lehnen wir klar ab, aber über den anderen können wir sprechen.“ Am Ende gab es eine Lösung – selbst wenn der Weg dahin steinig war.
Was ich heute wahrnehme, ist anders. Ich erkenne kein ernsthaftes Bemühen der Arbeitgeberseite, eine Lösung zu finden. Wenn gleichzeitig in internen Gesprächen sinngemäß gefordert wird, die VC müsse sich faktisch „an die Leine legen“, bevor überhaupt über Inhalte gesprochen wird, dann ist das keine normale Tarifdynamik mehr. Dann geht es nicht mehr nur um Inhalte – dann geht es um Macht und um die Rolle der Gewerkschaft.
Ist das aus deiner Sicht der Kern, den die Arbeitgeberseite mit ihrer Handlungsweise bezweckt – die Frage, ob die VC ein handlungsfähiger Tarifpartner bleibt?
Ja, mittlerweile bin ich davon überzeugt. Mir wurde schon oft hinter vorgehaltener Hand gesagt: Wenn sich die Piloten zusammenschließen, können sie nahezu alles erreichen. Das ist keine Kritik – das ist eigentlich eine Anerkennung von Stärke.
Und genau deshalb wird diese heute offensiv infrage gestellt. Wir werden schärfer bekämpft als jede andere Berufsgruppe im Konzern. Mehr noch: Es wird aktiv befördert, dass wir im Unternehmen und in der Öffentlichkeit als gierig oder verantwortungslos wahrgenommen werden. Das ist kein Zufall, sondern Teil einer Strategie. Wenn die öffentliche Legitimation bröckelt, soll die innere Geschlossenheit ins Wanken geraten.
Einige Mitglieder fragen sich trotzdem, ob die VC noch die Stärke von früher hat. Der Austausch war früher direkter, vieles ist heute digitaler. Wenn man nüchtern analysiert – keine Angebote, Blockadehaltung, mediale Narrative – kann Verunsicherung entstehen. Wie ordnest du das ein?
Die VC ist nicht schwächer geworden. Sie wird gerade herausgefordert.
Früher musste Stärke nicht permanent demonstriert werden, weil sie als gegeben akzeptiert war. Heute wird diese Stärke bewusst infrage gestellt, um Unsicherheit zu erzeugen. Das ist eine Bewährungsprobe – für die Organisation und für die Mitglieder.
Und eines ist wichtig: Stärke entsteht nicht durch schnelle, sondern durch gute Abschlüsse. Die Stärke folgt aus der Geschlossenheit der Mitglieder und erst damit kann eine Tarifkommission auf Augenhöhe verhandeln.
Der Arbeitgeber versucht, den Konflikt stark ökonomisch zu rahmen: Piloten seien zu teuer. Gleichzeitig sind strategische Fehlentscheidungen – Stichwort Flottenkomplexität oder Großprojekte – kaum zu übersehen. Wie bewertest du diese ökonomische Argumentation?
Natürlich wird eine ökonomische Debatte geführt. Das verfängt aktuell gut. Aber ich glaube, sie dient auch dazu, von den eigentlichen Motiven der Arbeitgeberseite abzulenken.
Wenn Mitbestimmung systematisch auf das gesetzliche Minimum reduziert wird und tarifliche Gestaltungsspielräume verweigert werden, dann geht es nicht nur um Kosten. Dann geht es darum, möglichst frei von tariflicher Gegenmacht agieren zu können.
Das ist ein anderes Führungsverständnis als das, was wir früher erlebt haben.
Was ist unter diesen Bedingungen realistisch? Was bedeutet das für die weitere Entwicklung?
Im Grunde gibt es zwei Optionen: Entweder man wartet auf personelle Veränderungen – oder man zeigt als Organisation, dass man handlungsfähig ist und bleibt.
Warten ist allerdings keine Strategie. Entscheidend ist, dass die Mitglieder verstehen, dass es der Arbeitgeberseite anscheinend um mehr als die gegenwärtig im Konflikt stehende betriebliche Altersversorgung geht. Es besteht der Eindruck, dass es der Arbeitgeberseite vielmehr um die Frage geht, ob die VC auch künftig als handlungsfähiger Tarifpartner akzeptiert wird.
Und man darf eines nie vergessen: Nichts ist selbstverständlich. Keine ÜV, keine bAV, kein MTV. Gute Arbeitsbedingungen existieren nur, weil sie über Jahre hinweg erkämpft und verteidigt wurden – und weil die Mitglieder dahinterstanden.
Wenn du es auf den Punkt bringen müsstest: Was ist jetzt entscheidend?
Entscheidend ist Geschlossenheit. Wenn ein Arbeitgeber glaubt, ihr könntet „alles durchsetzen, wenn ihr zusammensteht“, dann ist das kein Zeichen von Schwäche – sondern von Respekt vor eurer kollektiven Stärke.
Lassen wir uns nicht einreden, unsere Organisation sei schwach. Sie wird gerade getestet. Und solche Tests entscheiden sich nicht am Verhandlungstisch allein, sondern in der Haltung der Mitglieder.
Augenhöhe in Verhandlungen entsteht nur durch Geschlossenheit der Mitglieder.
Jetzt kommt es darauf an, zusammenzustehen und der eigenen Organisation, der eigenen Stärke zu vertrauen und geschlossen mit der Tarifkommission zu handeln.