Vorstand

„Eine der ereignisreichsten Wochen in der Geschichte unserer Gewerkschaft“

Andreas Pinheiro, Präsident der Vereinigung Cockpit, spricht im Interview über die Streiks der vergangenen Wochen, neue Angriffe auf die VC, die kurzfristige Stilllegung der CityLine und die Geschlossenheit der Mitglieder.

Pin, die ersten Monate des Jahres waren ereignisreich - wie blickst du darauf zurück?
Es waren intensive Monate – für uns als Gewerkschaft, aber natürlich auch für die Kolleginnen und Kollegen. Gleichzeitig hat sich etwas sehr deutlich gezeigt: eine außergewöhnlich starke Geschlossenheit der Mitgliedschaft. Die hohe Streikbeteiligung, die Ergebnisse der Urabstimmungen bei CityLine und Eurowings und die Rückmeldungen aus der Pilotenschaft sprechen eine sehr deutliche Sprache. Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis aus dieser Zeit.

Der Ausgangspunkt war die Urabstimmung im September bei der Passage und Lufthansa Cargo nach den gescheiterten bAV-Verhandlungen.
Es lagen zähe Verhandlungen zur bAV über Monate ohne Ergebnis hinter uns. Zu keiner Zeit gab es ein verhandlungsfähiges Angebot der Arbeitgeberseite. Das sehr eindeutige Votum der Mitglieder bei der Urabstimmung Ende September hat uns den Auftrag gegeben, für eine bessere betriebliche Altersversorgung zu kämpfen – wenn nötig auch mit Arbeitskampfmaßnahmen. Nach der Urabstimmung haben wir der Arbeitgeberseite aber zunächst bewusst mehrere Monate Zeit eingeräumt, um uns doch noch ein Angebot zu unterbreiten und zu einer Lösung zu kommen. Dieses Zeitfenster wurde von der Arbeitgeberseite nicht genutzt.

Am 12. Februar kam es dann zum ersten Streik.
Genau. Nach all der Wartezeit – und auch nach einem weiteren Vermittlungsversuch – blieb uns keine andere Wahl. Die Beteiligung am Streik war überragend. Das lässt sich objektiv belegen: 93 Prozent der bestreikten Flüge sind am Boden geblieben. 

Die Arbeitgeberseite hat euch danach weiterhin kein verhandlungsfähiges Angebot vorgelegt.
Nein, nichts. In der Zwischenzeit waren auch die Verhandlungen bei Lufthansa CityLine für einen neuen Vergütungstarifvertrag gescheitert. Die Kolleginnen und Kollegen dort haben in einer Urabstimmung Ende Februar mit einem nahezu einstimmigen Ergebnis für mögliche Arbeitskampfmaßnahmen gestimmt.

Mitte März habt ihr erneut zum Streik aufgerufen, diesmal jeweils bei der Lufthansa Passage, Lufthansa Cargo und CityLine.
Ja – und es zeigte erneut die große Geschlossenheit der einzelnen Belegschaften. Ein Tag CityLine, zwei Tage Lufthansa Passage und Cargo – und rund 80 Prozent Flugausfälle. Das ist nicht nur eine Zahl, sondern Ausdruck einer sehr hohen Streikbeteiligung. Die Kolleginnen und Kollegen stehen hinter ihrer Gewerkschaft und den jeweiligen tariflichen Zielen. 

Nach dem Streik im März wurde auch bei Eurowings eine Urabstimmung eingeleitet.
Auch dort sind zuvor die Verhandlungen zur betrieblichen Altersversorgung gescheitert. Die Urabstimmung bei Eurowings hatte eine sehr hohe Beteiligung und ein starkes Ergebnis: 94 Prozent stimmten mit „Ja“.

Zwischenzeitlich hat die Arbeitgeberseite aber ein Angebot zur Altersversorgung vorgelegt. Warum habt ihr das abgelehnt?
Weil es kein echtes Angebot war. Die Idee war, die Übergangsversorgung mit der betrieblichen Altersversorgung zusammenzulegen – faktisch also die Übergangsversorgung abzuschaffen, um die bAV zu „verbessern“. Und das Ganze sollte kostenneutral sein. Das heißt im Kern: Verbesserung nur durch Verschlechterung an anderer Stelle. Das ist für uns nicht akzeptabel. 
Wir wollen eine echte, substanzielle Verbesserung der Altersversorgung – ohne Gegenfinanzierung zulasten der Kolleginnen und Kollegen. Im Übrigen sind die Verhandlungen ausschließlich zur bAV gescheitert. Auf dieser Basis wurden eine Urabstimmung und Arbeitskampfmaßnahmen durchgeführt. Unsere Forderungen zum TV Übergangsversorgung haben wir bis auf weiteres zurückgestellt, um die Komplexität zu reduzieren und um der Arbeitgeberseite so ein Eingehen auf unsere Forderungen zur bAV zu erleichtern. Die Forderungen zum TV ÜV werden erst zu einem späteren Zeitpunkt finalisiert und dann weiterverfolgt.

Wo steht ihr jetzt?
Wir sind in einer Situation, in der weiterhin keine verhandlungsfähigen Angebote vorliegen. Gleichzeitig erleben wir eine neue Eskalation: Die Lufthansa AG ‐ hat die zwischen dem Unternehmen und der Vereinigung Cockpit bestehende Freistellungsvereinbarung außerordentlich und fristlos gekündigt.  

Ein ungewöhnlich harter Schritt.
Ein Schritt gegen die VC, der zulasten der wichtigen Flight Safety-Arbeit geht. Weltweit engagieren sich unsere Pilotinnen und Piloten, um die Flugsicherheit weiter zu verbessern. Sie sind gefragte Experten gegenüber Wissenschaft, Politik, Behörden und Medien. Die Lufthansa stellt sich mit der Kündigung gegen eine international seit Jahrzehnten gelebte Praxis – entsprechend deutlich fiel auch die Kritik aus dem Ausland aus. Aus unserer Sicht ist dieses Vorgehen weder gerechtfertigt noch rechtlich haltbar. Wir gehen dagegen vor. Es ist nicht das erste Mal, dass versucht wird, unsere Arbeit zu erschweren.

Besonders viel ereignete sich dann Mitte April - mehreren Streiks, Demo, Stilllegung Cityline. Wie hast du diese Tage erlebt?
Das war sicherlich eine der ereignisreichsten Wochen in der Geschichte unserer Gewerkschaft: vier Streiktage, eine extrem hohe Beteiligung. Parallel dazu fand am 15. März – zeitgleich zur 100-Jahr-Feier der Lufthansa – eine Demonstration mit anschließender Kundgebung der Unabhängige Flugbegleiter Organisation (UFO) statt, die in dieser Woche ebenfalls an zwei Tagen gestreikt hat. Die Vereinigung Cockpit war stark vertreten. Mehr als 2.500 Menschen haben daran teilgenommen.
Und dann kam noch die kurzfristige Ankündigung zur Stilllegung von CityLine. Das hat uns und viele Kolleginnen und Kollegen schockiert. Die CityLiner leben seit Jahren mit Unsicherheit – und nun wird erneut mit Existenzen gespielt. Für uns ist klar: Wir stehen an ihrer Seite. Die Solidarität untereinander ist bemerkenswert.

Ihr habt eine Schlichtung vorgeschlagen.
Ja, um den Konflikt zu deeskalieren. Wir waren sogar bereit, uns einem Schlichtungsspruch zu unterwerfen. Die Arbeitgeberseite hat das abgelehnt. Aber es stehen noch weitere Gespräch an. 
Immerhin: Es wird wieder miteinander gesprochen. Das ist ein erster Schritt – mehr aber auch noch nicht.