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Theresia Eberbach (l.) und Bianca Scheidt beim Verweisungscafé / © Vereinigung Cockpit e.V.
Das Thema Verweisungen beschäftigt viele Berufspilotinnen und -piloten. Damit verbunden sind oft Enttäuschung, Ärger und nicht selten erhebliche Folgen – sei es für die eigene Flugtauglichkeit, die finanzielle Situation oder auch in rechtlicher Hinsicht. Besonders belastend ist zudem, dass sich die Verfahren beim LBA in manchen Fällen über viele Monate oder gar Jahre hinziehen.
Um den Betroffenen Raum für einen offenen Austausch zu geben, hat in der Vereinigung Cockpit erstmals ein Verweisungscafé stattgefunden. Wir haben mit Theresia Eberbach, Leiterin der neuen Arbeitsgruppe Occupational Health & Medicine (AG OHM), darüber gesprochen, wie die Premiere verlief, welche Impulse gesetzt wurden und warum das Verweisungscafé erst der Anfang ist.
Theresia, wie lautet dein Fazit nach dem ersten Verweisungscafé?
Theresia Eberbach: Ich würde wirklich sagen: ein voller Erfolg. Für eine erste Veranstaltung war die Resonanz beeindruckend. Etwa 40 Teilnehmende waren vor Ort, zusätzlich rund 60 online. Und das Wichtigste: Das Feedback war überwältigend positiv. Viele haben gesagt: „Danke, ich sehe, ich bin nicht alleine.“ Genau dieses Gefühl wollten wir vermitteln.
Ihr hattet ein dichtes Vortragsprogramm. Welche Impulse waren besonders prägend?
Theresia Eberbach: Nach meiner kurzen Vorstellung der AG OHM – wir sind ja neu – hat zunächst Peter Weller, Verkehrspilot und selbst Betroffener, berichtet, welche Schritte und Fallstricke Betroffene bei einer Verweisung kennen müssen. Ein Highlight war der Beitrag von Nina Coppik, Juristin und ehemalige Referentin in der L6 beim LBA. Ihre Einblicke waren … ja, ich würde sagen erschütternd. Sie hat anonymisierte Fälle geschildert, Situationen, die man kaum glauben würde. Ihre Darstellung der internen Abläufe beim LBA und der dortigen strukturellen Probleme war für viele ein Augenöffner.
Danach hat Bianca Scheidt aus unserer Rechtsabteilung erklärt, welche Unterstützung die VC rechtlich leisten kann. Vielen war nicht bewusst, wie der Rechtsschutz im Detail funktioniert und dass die Satzung lediglich verhindern soll, völlig aussichtslose oder absurde Fälle zu finanzieren – nicht aber Betroffene ohne medizinisches Rückkehrszenario im Stich zu lassen. Das hat spürbare Sorgen genommen.
Wie lief der Austausch unter den Teilnehmenden?
Theresia Eberbach: Fantastisch. In der Mittagspause bildeten sich überall kleine Grüppchen und es entwickelten sich intensive Gespräche. Viele fühlten sich und ihre Situation endlich verstanden, haben sich Notizen gemacht, Kontakte ausgetauscht, konkrete Hinweise mitgenommen.
Am Nachmittag ging es um Mental Health und Peer Support. Was waren dort die Kernaussagen?
Theresia Eberbach: Die AG Diversity & Social (DAS) hat über die elektronische Patientenakte informiert – hier habe sogar ich massiv dazugelernt. Für gesetzlich Versicherte gilt ein Opt-out, für privat Versicherte ein Opt-in. Entscheidend ist: Alles, was ein Arzt dort einträgt – selbst subjektive Einschätzungen – kann potenziell von einem Fliegerarzt eingesehen werden. Ein Kollege berichtete, dass plötzlich eine depressive Episode in seiner Akte stand, die er nie erwähnt hatte. Das kann für Berufspilotinnen und -piloten dramatische Folgen haben.
Die AG Peer Support hat erklärt, dass man sich bei ihnen frühzeitig melden soll – bevor kleine Probleme zu großen werden. Diese Gespräche sind keine psychologischen Behandlungen, sondern niedrigschwellige Unterstützung unter Kollegen.
Wie geht es mit dem Format weiter?
Theresia Eberbach:Ich bin sicher: Das Verweisungscafé war nicht die letzte Veranstaltung dieser Art. Viele haben sich eine Regelmäßigkeit gewünscht. Themen gibt es genug: Ausflaggen, internationale Vergleichsverfahren, Reformvorschläge, Einzelfallschilderungen.
Um den Dialog nicht abreißen zu lassen, haben wir bereits einen eigenen Raum auf der VC-Austauschplattform Discourse für Verweisungsthemen geschaffen. Hier möchten wir den Austausch fortsetzen.
Ein Beispiel, das besonders hängen geblieben ist?
Theresia Eberbach: Ein junger Kollege hat seinen Fall geschildert – absolut absurd. Nach einer medizinischen Wartefrist wollte er sein Klasse-1-Medical zurückbekommen. Stattdessen bot man ihm beim LBA einen „Vergleich“ an: Er könne schnell ein Klasse-2-Medical bekommen, wenn er dafür auf Ansprüche gegen das LBA verzichte.
Das ist fachlich unsinnig, sicherheitsrelevant fragwürdig – und rechtlich höchst bedenklich.
Theresia, was nimmst du persönlich mit?
Theresia Eberbach: Dass es eine enorme Kraft hat, wenn Betroffene sich vernetzen und merken: Wir sind nicht allein. Und dass die VC als Berufsverband genau hier Verantwortung übernimmt. Das Verweisungscafé hat vielen Mut gemacht – und uns gezeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.