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Wenn es um die Geschichte der Tarifpolitik in der deutschen Luftfahrt geht, darf ein Name nicht fehlen: Michael Tarp. Er gehörte zu jenen Gewerkschaftern, die weniger im Vordergrund standen, deren Wirken aber Strukturen geschaffen hat, die bis heute Bestand haben. Mit großer Betroffenheit hat die Vereinigung Cockpit (VC) vom Tod Michael Tarps erfahren. Der Jurist, langjährige Tarifexperte und von 1999 bis 2008 hauptamtliches Vorstandsmitglied sowie Vorsitzender Tarifpolitik der Vereinigung Cockpit, ist im Alter von 69 Jahren verstorben.
Michael Tarps Name ist eng verbunden mit der wohl wichtigsten Zäsur in der Geschichte der Vereinigung Cockpit: ihrer tarifpolitischen Eigenständigkeit im Jahr 1999. Bis Ende der neunziger Jahre wurden die Tarifverträge der Pilotinnen und Piloten noch durch die Deutsche Angestellten-Gewerkschaft (DAG) abgeschlossen. Dort leitete Tarp seit 1993 den Bereich Luftfahrt. Als die DAG in der neu gegründeten Dienstleistungsgewerkschaft Verdi aufging, wuchs unter vielen Pilotinnen und Piloten die Sorge, ihre spezifischen Interessen könnten in einer großen Einheitsgewerkschaft untergehen.
Die VC entschloss sich deshalb 1999 zu diesem historischen Schritt: Sie wollte selbst tariffähige Gewerkschaft werden. Dass dieser Schritt gelang, war keineswegs selbstverständlich. Gewerkschaften entstehen in Deutschland nicht durch einen formalen Akt, sondern dadurch, dass Arbeitgeber bereit sind, Tarifverträge mit ihnen abzuschließen.
Nachdem der damalige VC-Präsident Jürgen Lachmann, Vizepräsident Carsten Reuter und Tarifkommissionssprecher Thomas von Sturm die Lufthansa davon überzeugt hatten, künftig direkt mit der VC zu verhandeln, folgten nach und nach weitere Airlines. In dieser sensiblen Phase wechselte Michael Tarp zur VC – und brachte etwas mit, das für die junge Gewerkschaft kaum zu ersetzen war: Erfahrung, Glaubwürdigkeit und Vertrauen. Michael Tarp wurde zu einer Schlüsselfigur in dieser Phase.
Thomas von Sturm, ab 2000 Präsident der Vereinigung Cockpit, erinnert sich an die damalige Entscheidung: „Wir wollten Michael gewinnen – auch als Signal an die Arbeitgeber, dass es Kontinuität in der Tarifpolitik geben würde. Die Unternehmen kannten ihn bereits aus seiner Zeit bei der DAG. Die Stabilisierung der VC nach der Verselbstständigung war enorm wichtig, und für uns war Michael für diese Aufgabe in dieser Phase genau der Richtige.“
Auch Andreas Pinheiro, heutiger Präsident der Vereinigung Cockpit, würdigt ihn als „eine zentrale Persönlichkeit bei der tariflichen Unabhängigkeit der VC“. Tarp habe die Tarifabteilung aufgebaut und die Gewerkschaft „auf ein tarifliches Fundament gestellt, auf dem sie bis heute steht. Besonders wichtig war, dass es ihm gelungen ist, bei den Airlines Vertrauen in die VC als eigenständigen Tarifpartner zu schaffen.“
Sein wohl prägendster öffentlicher Moment kam im Jahr 2001. Damals eskalierte der bis dahin schwerste Tarifkonflikt zwischen Lufthansa und ihren Piloten. Hintergrund war, dass die Lufthansa-Piloten im Vergleich mit anderen europäischen Carriern unterdurchschnittlich bezahlt wurden und dass massive Einschnitte von 1992 zur Sanierung der Airline trotz wirtschaftlich erfolgreicher Jahre nicht ausgeglichen worden waren. Michael Tarp führte die Verhandlungen auf Seiten der VC. Nach mehreren Streiks kam es auf Vorschlag der Lufthansa zu einer Schlichtung unter Leitung des früheren Außenministers Hans-Dietrich Genscher. „Am Ende hatten wir eine Einigung, die den Piloten deutliche Einkommenssteigerungen brachte – und zugleich die Wahrnehmung von uns und der VC in Politik und Wirtschaft nachhaltig veränderte“, erinnert sich von Sturm.
Diese erfolgreiche Phase prägte auch die späteren Tarifauseinandersetzungen der VC. Einfach blieb es dennoch nicht. Tim Würfel, ab 2006 bis 2009 Präsident der VC, erinnert sich an schwierige Verhandlungen mit Air Berlin, in denen Tarp trotz festgefahrener Fronten eine Einigung erreichte. „Er wusste: Für die VC ist es an diesem Tag notwendig, mit einer Unterschrift zurückzukommen. Und Michael Tarp war wieder erfolgreich.“
Auch bei einer der sensibelsten Aufgaben der deutschen Luftfahrt-Tarifpolitik spielte Tarp eine entscheidende Rolle: der Zusammenführung der Senioritätslisten von Air Berlin, LTU und DBA (deutsche British Airways). In einer Branche, in der Dienstalter über Karrierewege und Lebensplanung entscheidet, galt diese Aufgabe als hochkomplex und konfliktträchtig. Von Tarp habe er damals diesen Satz gelernt, erinnert sich Würfel: „Tarifabschlüsse sind eigentlich nur dann gut, wenn die andere Seite nicht nur unterschreibt, sondern auch mit ihnen leben will. Sonst beginnt sofort die Suche nach Umgehungen.“
„Sein großer Verdienst war, dass er immer das Gesamtbild im Auge hatte“, sagt Jürgen Lachmann, von 1997 bis 2000 Präsident der Vereinigung Cockpit. „Wir waren damals ein stark Lufthansa-geprägter Verband, weil die meisten Mitglieder Lufthansa-Piloten waren. Michael hat aber immer auch die anderen Gesellschaften mitgedacht und die Gefahren erkannt, die entstehen, wenn die Unternehmen oder ihre Beschäftigten gegeneinander ausgespielt werden können.“
Natürlich verlief die erfolgreiche Entwicklung der VC nicht ohne interne Konflikte. Mit wachsendem Einfluss entstanden auch Auseinandersetzungen über Kompetenzen und Machtfragen. Doch selbst dort, wo später Differenzen entstanden, blieb die Anerkennung für Tarps Leistung bestehen.
Michael Tarp war einer der Architekten der tarifpolitischen Eigenständigkeit der Vereinigung Cockpit. Ohne ihn wäre die VC vermutlich nicht so schnell zu jener anerkannten und durchsetzungsfähigen Fachgewerkschaft geworden, als die sie heute gilt. „Fern seiner westfälischen Heimat, fern der Familie, war Michael praktisch rund um die Uhr für uns im Einsatz“, so Tim Würfel.
„Wir Piloten in Deutschland haben Michael sehr viel zu verdanken“, sagt Andreas Pinheiro. „Viele tarifliche Standards, von denen wir bis heute profitieren, tragen indirekt seine Handschrift. Sein Einsatz und sein Beitrag zur tarifpolitischen Eigenständigkeit der VC werden bleiben – und nicht vergessen werden. Unsere Gedanken sind bei seiner Familie, seinen Angehörigen und allen, die ihm nahestanden.“