Vorstand

"Mitarbeiter sind kein Werkzeug, das man weglegt, wenn es unbequem wird."

Rede von Dr. Andreas Pinheiro, Präsident der Vereinigung Cockpit, anlässlich der Hauptversammlung der Deutschen Lufthansa AG am 12. Mai 2026

Sehr geehrte Aktionäre, Mitglieder des Konzernvorstandes und Aufsichtsrates, 
sehr geehrte Damen und Herren,

als Piloten ist es unsere Aufgabe, auch mit unerwarteten Situationen sicher umzugehen. Dafür brauchen wir zwei Dinge: Vertrauen in unser Training und ein starkes Team. Ein Team im Cockpit – und gemeinsam mit der Kabine.

Damit dieses Team funktioniert, übernehmen wir Verantwortung für unser eigenes Handeln. Nur so entsteht Vertrauen und Glaubwürdigkeit. Und nur so gelingt es, das Team auch in besonderen Situationen zusammenzuhalten.

Als Aktionäre mussten Sie in der Vergangenheit eine ganze Reihe schlechter Nachrichten hinnehmen. Die Entwicklung des Aktienkurses bezeugt dies leider deutlich. Besonders besorgniserregend ist, dass dies trotz einer robusten Nachfrage im Airline-Segment und einer seit Corona bestehenden Unterdeckung der Angebotskapazität mit entsprechenden Auswirkungen auf die Preise im Absatzmarkt geschehen ist.

Der Vorstand leitet in eigener Verantwortung und nach eigenem Ermessen die Geschäfte der Aktiengesellschaft. Er trägt die Verantwortung für die Entwicklung des Unternehmens seit der Corona-Krise. Diese fällt gegenüber den Wettbewerbern deutlich ab. Der Vorstand wird dabei nicht müde zu erläutern, dass dies vielfache Gründe hat. 

Auffällig dabei ist, dass die jeweils Verantwortlichen – natürlich außerhalb des Vorstandes - dafür umgehend identifiziert wurden. Mal ist es ein Flugzeughersteller, mal die Federal Aviation Administration, dann die hohen Infrastrukturkosten in Deutschland und mit beständiger Regelmäßigkeit die bestehenden Tarifverträge.

Als Antwort auf den letzten Punkt hat man sich für eine Personalpolitik mit der Kettensäge entschieden. Wir beobachten, dass Gespräche zu tariflichen Themen mit den Arbeitgebern im Konzern nicht mehr auf einer rationalen Ebene stattfinden können. Der aktuelle Tarifkonflikt zeigt dies deutlich. 

Es wird seitens des Vorstandes daraufgesetzt, dass die tarifpolitischen Verweigerungshaltungen, gepaart mit kostspieligen Ausweichbewegungen durch die Gründung neuer Gesellschaften dazu führen werden, dass die Fachgewerkschaften irgendwann die Segel streichen und aufgeben.

Ebenso sind impulsgesteuerte Entscheidungen, wie die Schließung der CLH sicher nicht zuträglich für die Marktbearbeitung im Kerngeschäft. Wenn das Multi-Hub-System und die bestehenden Flugbetriebe in der Lage sein sollen, dies in der gleichen Qualität zu kompensieren, wünschen wir viel Glück! 

Mitarbeiter sind kein Werkzeug, das man weglegt, wenn es unbequem wird. Sie sind der Kern dessen, was ein Unternehmen im Innersten zusammenhält – seine Kultur, sein Gedächtnis und sein Selbstverständnis. 

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

das Handeln des Vorstandes basiert auf dem Versprechen einer erhofften Zukunft, die in deutlichem Widerspruch zur Realität steht.

Die Aktionäre, die wir vertreten, können sich den Luxus dieser Hoffnung nicht leisten. Sie können zwar auch ihre Aktien verlustreich abstoßen, aber anders als andere Aktionäre sind sie dennoch untrennbar mit dem Unternehmen verbunden. 

Wir Piloten sind auf Gedeih und Verderb mit diesem Unternehmen verbunden und haben ein existenzielles Interesse daran, dass die Deutsche Lufthansa AG wirtschaftlich erfolgreich ist. 

Die Vereinigung Cockpit hat der Arbeitgeberseite Angebote zu einer sofortigen Schlichtung der bestehenden Tarifkonflikte gemacht, um sie somit zu befrieden. 

Aber: Während wir, die Gewerkschaft, am 14.04.26 Wege zur Deeskalation aufzeigen, nehmen die Arbeitgeber weitere Streiks zur bAV, operative Schäden, massive Flugausfälle und wirtschaftliche Belastungen offenbar bewusst in Kauf und schließt obendrein noch einen Flugbetrieb komplett. 

Wir sehen hierin ein erschreckendes Signal für Aktionäre und den Kapitalmarkt. Aus Sicht der VC stellt sich daher zunehmend die Frage, warum nicht stärker auf eine Deeskalation gedrängt und warum wirtschaftliche Schäden offenbar aus machtpolitischen Erwägungen in Kauf genommen werden. 

Gute Corporate Governance bedeutet gerade in Krisensituationen, Schaden von Unternehmen abzuwenden und lösungsorientierte Verfahren zu unterstützen. Genau dies würde eine unabhängige Schlichtung ermöglichen. 

Die Arbeitgeber haben sich zu weit von ihren Beschäftigten entfernt. Sie sprechen inzwischen bevorzugt über sie statt mit ihnen.

Hinzu kommen Äußerungen des Aufsichtsratsvorsitzenden der Konzernmutter, die in ihren Formulierungen, gerade vor dem Hintergrund unserer Geschichte, verstören. Wir hoffen daher, dass mit ihnen als neuen Aufsichtsratsvorsitzenden, Herr Teyssen, auch eine neue Haltung Einzug hält.

Bei Air France/KLM haben die Eigentümer nach langen und kostspieligen Auseinandersetzungen erkannt, dass weder die Beschäftigten allgemein noch die Piloten im Besonderen das Problem sind, wenn man vernünftig mit ihnen zusammenarbeitet. 2018 wurde Ben Smith vom Verwaltungsrat zum CEO ernannt und hat folgend einen grundlegenden Kulturwandel herbeigeführt. Das Ergebnis sehen Sie in der wirtschaftlichen Entwicklung des Unternehmens. Air France/KLM geht es gut. 

Die Entwicklung nach der Coronazeit, tarifliche Verweigerungshaltungen und der Umgang mit dem Personal stellen dem Konzernvorstand kein gutes Zeugnis aus. Aus diesem Grund empfehlen wir dieser Hauptversammlung, den Vorstand nicht zu entlasten.

Wir sind nicht die Gegenseite, sondern wir Piloten sind Teil des Personals dieses Unternehmens und der Konzerntöchter. Wir wünschen uns wieder ein respektvolles und konstruktives Miteinander – im Interesse der Unternehmen, der Beschäftigten, der Kundinnen und Kunden und der Aktionärinnen und Aktionäre.