
Marcus Baum und Steve Literski aus der Arbeitsgruppe Peer Support / © Vereinigung Cockpit
Steve, Marcus – warum brauchte es überhaupt erst eine Taskforce und anschließend eine eigene Arbeitsgruppe
Steve Literski: Die Idee entstand vor rund eineinhalb Jahren. Wir Peers waren damals in einem anderen Peer-Support-Programm tätig, das sich in einer Phase großer Umstrukturierungen befand. Für viele von uns stellte sich die Frage: Ist das System, das hier gerade entsteht, wirklich zukunftsfähig – und kann ich mich persönlich damit identifizieren?
Wir hatten Zweifel, ob die neuen Strukturen den Kern von Peer Support erhalten würden: Vertrauen, Distanz zum Arbeitgeber und absolute Niedrigschwelligkeit. Und ohne die geht es einfach nicht.
Marcus Baum: Peer Support hat in Deutschland eine über 35-jährige Tradition. Entstanden ist das ganze System, als Kollegen nach einer Sucht-Diagnose über Jahre fluguntauglich geschrieben wurden und einige keinen Ausweg mehr sahen. Damals haben Piloten für Piloten Unterstützungswege aufgebaut – basisnah, vertraulich, solidarisch.
Über die Jahre wurde das immer professioneller, und es gab lange eine sehr gute Zusammenarbeit zwischen Peers, Therapeuten und dem Luftfahrtbundesamt. Doch in den vergangenen Jahren sind Entwicklungen entstanden, die uns Bauchschmerzen bereitet haben – etwa eine zunehmende Ökonomisierung und eine Stärkung externer Akteure, die nicht unbedingt die Interessen der Kolleginnen und Kollegen im Blick hatten.
Steve Literski: Es kam irgendwann zu einem Punkt, an dem klar war: So können wir nicht weiterarbeiten. Innerhalb der Gruppe zerfiel die Einheit, einige wollten den neuen Weg mitgehen, andere nicht. Parallel wurde das Vertrauensverhältnis durch interne Vorgänge erschüttert, die wir auch moralisch nicht mehr tragen konnten.
Darum haben wir das Gespräch mit dem VC-Vorstand gesucht – und der hat erfreulicherweise gesagt: Peer Support gehört unter ein Dach, dem die Piloten vertrauen können. So entstand erst eine Taskforce, um die Grundstruktur zu definieren, und daraus schließlich die AG Peer Support. Wir sehen uns aber nicht als Konkurrenz, sondern sind eine seriöse und offene Alternative in einer verlässlichen und stabilen Form.
Wer gehört heute zur AG Peer Support – und ist sie breit in der Branche verankert?
Marcus Baum: Wir sind aktuell 15 Mitglieder, die alle über viele Jahre Peer-Erfahrung verfügen. Nahezu alle großen Flugbetriebe sind vertreten: Lufthansa, Eurowings, CityLine, Cargo und weitere.
Natürlich haben wir auch Kolleginnen und Kollegen verloren – nicht alle konnten oder wollten den Schritt mitgehen, teilweise aus politischen oder betrieblichen Gründen. Aber die AG ist stabil, erfahren und breit aufgestellt.
Wie kann man sich an euch wenden – und wer darf das eigentlich?
Steve Literski: Kurz gesagt: Jeder Halter eines Klasse 1 Tauglichkeitszeugnisses Pilotin und jeder Pilot in Deutschland.
Unsere Angebote gelten unabhängig von Mitgliedschaft oder Arbeitgeber. Es gibt verschiedene Wege, uns zu erreichen, beispielsweise über die Notfall-Hotline.
Wichtig ist uns: Niemand soll eine Hürde spüren. Wer Hilfe braucht, soll einfach Kontakt aufnehmen – egal, ob es um Belastungen, familiäre Probleme, mentale Krisen, Alkohol, Medikamente oder andere Themen geht.
Was passiert, wenn jemand bei euch anruft?
Steve Literski: Zuerst führen wir ein Gespräch – am Telefon oder persönlich. Wir hören zu, wir sortieren gemeinsam die Situation und besprechen, was der nächste sinnvolle Schritt ist.
Wir sind keine Therapeuten; wir sind Piloten, die wissen, wie sich Druck, Angst und Scham im Cockpitalltag anfühlen. Unsere Aufgabe ist es, Orientierung zu geben und den Weg zu professioneller Hilfe zu öffnen, wenn es nötig ist.
Manchmal ist es ein kleines Problem, das man gut begleiten kann, ohne dass eine Diagnose entsteht. Dann gibt es keinen Grund, die Flugtauglichkeit anzuzweifeln.
Und manchmal erkennen wir, dass es eine Erkrankung im medizinischen Sinne sein könnte. Dann greifen gesetzliche Vorgaben – aber unser Ziel ist nicht, jemanden „fluguntauglich zu schreiben“. Unser Ziel ist, vor einer Gefährdung zu schützen und dafür zu sorgen, dass niemand in einem Zustand fliegt, der rechtliche oder sicherheitsrelevante Probleme auslösen könnte.
Wie sieht die Begleitung konkret aus?
Marcus Baum: Wir begleiten durch den gesamten Prozess:
1. Erstgespräch und Orientierung
- Wo steht die Person? Was braucht sie? Welche Unterstützung ist sinnvoll?
2. Vermittlung zu Fachleuten
- Psychotherapeuten, Suchtkliniken, Paar- oder Familientherapien, je nach Situation kann das in ein Coaching, eine Prophylaxe oder auch eine Therapie münden. Wir gehen den Weg eng mit ihnen und stehen mit Rat und Tat an ihrer Seite.
3. Begleitung während Therapie oder Klinikaufenthalt
- Wir sind weiterhin erreichbar, bleiben Ansprechpartner, besuchen auf Wunsch auch Kliniken oder begleiten Wege.
4. Rückkehr in den Beruf
- Unterstützung in organisatorischen Fragen
- Vorbereitung auf Gutachten fürs LBA
- Austausch über die Wiederaufnahme des Flugbetriebs
Wir wissen worauf es ankommt, was funktioniert, was tatsächlich den Kollegen hilft. Und gemeinsam mit einem Team erfahrener Fachleute leisten wir effektive Hilfe und finden zusammen mit den Betroffenen langfristige Lösungen.
Steve Literski: Wir sind sozusagen das Wegweiser-Schild, das sagt: „Hier geht es lang, und du musst diesen Weg nicht alleine gehen.“ Viele Kolleginnen und Kollegen haben Angst, ihr Medical zu verlieren oder finanziell ins Bodenlose zu fallen. Gerade dann ist es entscheidend, nicht allein zu sein.
Wie groß ist der Zulauf aktuell?
Marcus Baum: Hier in der VC existieren wir erst seit kurzer Zeit, aber es hat sich bereits herumgesprochen, dass wir Altlasten abstreifen konnten und uns jetzt wieder auf die direkte Fürsorge konzentrieren, zum Wohle unserer Peers, unserer Piloten.
Erstaunlicherweise erhalten wir bereits viele Anfragen. Ein Teil der Piloten hat unsere Nummern noch aus früherer Zeit, andere hören über Kolleginnen und Kollegen von uns. Die Hotline und E-Mail laufen ebenfalls.
Die Fallzahlen sind noch nicht so hoch wie früher, aber wir sind mit unseren 15 Peers derzeit gut aufgestellt.
Was wünscht ihr euch für die Zukunft der AG Peer Support?
Steve Literski: Dass Pilotinnen und Piloten wissen: Es gibt einen sicheren Ort, an den ich mich wenden kann. Wir wollen wachsen – langsam, aber gesund. Und wir wollen, dass Peer Support wieder zu dem wird, was er ursprünglich war: ein solidarisches System von Piloten für Piloten. Vertraulich, unabhängig, menschlich.

