"Vielen ist gar nicht bewusst, wie weitreichend unsere Flight-Safety-Arbeit ist"

Rund 100 Pilotinnen und Piloten engagieren sich in der Vereinigung Cockpit in der Flight Safety. Doch dieses Engagement steht aktuell unter Druck.


Mit der Kündigung der Freistellungsvereinbarung durch Lufthansa wird die Arbeit der VC-Mitglieder erheblich erschwert. International sorgt das Verhalten der Lufthansa bereits für Irritationen, weil eine bewährte Praxis zur Förderung unabhängiger Sicherheitsarbeit aufgegeben wird. 

Warum die Flight-Safety-Arbeit der VC so wichtig ist, wie breit sie aufgestellt ist und welchen Beitrag sie weltweit leistet, darüber haben wir mit VC-Vizepräsidentin Katharina Dieseldorff gesprochen. (Übersicht über die Flight Safety-Arbeit der VC nach dem Interview)

 

Katharina, mit der Kündigung der Freistellungsvereinbarung durch Lufthansa wird die wichtige Flight-Safety-Arbeit der VC beeinträchtigt. Welche Tragweite hat diese Entscheidung aus deiner Sicht? 

Vielen ist gar nicht bewusst, wie weitreichend unsere Flight-Safety-Arbeit ist. Rund 100 aktive Mitglieder der Vereinigung Cockpit engagieren sich in der Flight Safety – und zwar nicht punktuell, sondern kontinuierlich und auf höchstem fachlichem Niveau. Sie tragen jeden Tag dazu bei, dass Luftfahrt sicher bleibt und noch sicherer wird. 

Mit der Kündigung der Freistellungsvereinbarung gerät genau diese Arbeit unter Druck. Sie wird für viele Kolleginnen und Kollegen bei Lufthansa – manche engagieren sich seit Jahrzehnten – massiv erschwert, sich weiter in diesem Umfang einzubringen. Das trifft nicht irgendein Randthema – das trifft die Flugsicherheit selbst. 

 

Was genau leisten diese rund 100 Expertinnen und Experten? 

Unsere Mitglieder arbeiten in insgesamt 13 Arbeitsgruppen und drei Task Forces der Vereinigung Cockpit selbst – und decken damit praktisch das gesamte Spektrum der Flugsicherheit ab. 

Das reicht von Fragen rund um Flugzeugdesign und -betrieb über Flughafeninfrastruktur und Flugsicherungsverfahren bis hin zu hochaktuellen Themen wie Drohnenintegration, IT-Sicherheit oder nachhaltige Luftfahrt. 

Wir beschäftigen uns mit Ausbildung, Training und Lizenzierung, mit Gefahrguttransport, mit der Analyse von Unfällen und Zwischenfällen – aber auch mit Themen wie Ermüdung, Dienstzeiten, Strahlenbelastung oder mentaler Gesundheit. 

Kurz gesagt: Wir schauen uns die Luftfahrt als Gesamtsystem an – technisch, operativ und menschlich. 

 

Und das über Deutschland hinaus? 

Absolut. Unsere Arbeit endet nicht an nationalen Grenzen. 

Auf europäischer Ebene sind wir über unseren Dachverband, die ECA, in zahlreichen Arbeitsgruppen aktiv – etwa zu Ausbildung und Lizenzierung, zu Flugdaten und Just Culture, zu Dienstzeiten oder zur Flugsicherung und Flughafeninfrastruktur. Wir stehen hier auch im engen Austausch mit der EASA. 

International engagieren wir uns in verschiedenen Gremien der IFALPA. Dort bringen wir unsere Expertise unter anderem in den Bereichen Unfallanalyse, Flugzeugdesign, Flugsicherung, Gefahrgut oder Human Performance ein. 

Das Entscheidende ist: Wir sitzen mit am Tisch, wenn internationale Standards diskutiert werden. 

 

Ihr seid also nicht nur beteiligt – ihr gestaltet aktiv mit? 

Genau. Wir bringen unsere Perspektive als operativ tätige Pilotinnen und Piloten ein. Das ist extrem wertvoll, weil wir die Systeme aus der Praxis kennen. 

Ein gutes Beispiel ist unsere Mitarbeit bei der ICAO. Dort sind wir unter anderem in Arbeitsgruppen zu Ausbildung und Lizenzierung oder Überwachungssystemen vertreten. Wir wirken auch bei internationalen Initiativen zur Drohnenregulierung mit oder bei der Weiterentwicklung von Sicherheitsstandards. 

Das sind keine theoretischen Diskussionen – hier geht es um konkrete Regelwerke, die weltweit Anwendung finden. 

 

Ihr werdet auch als Experten nach außen wahrgenommen. 

Ja, sehr deutlich. Unsere Flight-Safety-Expertinnen und -Experten sind gefragte Ansprechpartner für Behörden, Politik und Medien. 

Wir halten regelmäßig Vorträge auf nationalen und internationalen Konferenzen – etwa bei der Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt, bei der Royal Aeronautical Society oder auf internationalen Safety Summits und vielen mehr. 

Gleichzeitig sind wir Ansprechpartner für Luftfahrtbehörden, arbeiten mit Forschungseinrichtungen wie dem DLR zusammen und bringen unsere Expertise in verschiedene staatliche und operative Gremien ein – zum Beispiel bei der Bewertung von Air-Prox-Vorfällen. 

 

Ihr organisiert auch eigene Veranstaltungen. Welche Rolle spielen die? 

Eine sehr große. Unser „Forum Flight Safety“ wird im kommenden Jahr zum 25. Mal stattfinden – und gehört inzwischen zu den wichtigsten Plattformen für den Austausch zur Flugsicherheit in Deutschland. 

Wir organisieren das gemeinsam mit Partnern wie der Bundeswehr, der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung und der Deutschen Flugsicherung. Ziel ist es, Erfahrungen aus unterschiedlichen Bereichen zusammenzubringen und gemeinsam daraus zu lernen. 

Gerade dieser interdisziplinäre Austausch ist entscheidend, um Sicherheit weiterzuentwickeln. 

 

Wenn man das alles hört: Welche Folgen hat es, wenn diese Arbeit nun erschwert wird? 

Die Auswirkungen sind erheblich. Wenn Engagement eingeschränkt wird, wenn Expertinnen und Experten weniger Zeit haben, sich einzubringen, dann fehlt diese Expertise in genau den Gremien, in denen es um die Sicherheit geht. 

Was uns besonders besorgt: Hier wurde im Zuge eines tarifpolitischen Konflikts bewusst in Kauf genommen, dass Flight-Safety-Arbeit beeinträchtigt wird. Das sorgt auch international für großes Unverständnis, weil Lufthansa damit von einer etablierten gemeinsamen Praxis zur Förderung der Flugsicherheit abweicht. 

Und das ist ein Signal, das weit über Deutschland hinaus wahrgenommen wird. 

 

Was ist deine zentrale Botschaft? 

Flugsicherheit ist kein Selbstläufer. Sie lebt von Engagement, von Expertise und von Zusammenarbeit – national wie international. 

Die Vereinigung Cockpit leistet hier seit über 50 Jahren einen zentralen Beitrag. Unsere Mitglieder bringen ihr Wissen ein, übernehmen Verantwortung und arbeiten daran, die Luftfahrt jeden Tag ein Stück sicherer zu machen. 

Diese Arbeit sichtbar zu machen, ist überfällig. Und sie zu schützen, ist im Interesse aller, die fliegen. 

 

Übersicht Flight-Safety-Arbeit der VC  

Die Vereinigung Cockpit (VC) setzt sich auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene aktiv für die Flugsicherheit ein. In eigenen Facharbeitsgruppen sowie in Arbeitsgruppen und Committees der European Cockpit Association (ECA), der International Federation of Airline Pilots' Associations sowie in Gremien u.a. der European Aviation Safety Agency (EASA) und der International Civil Aviation Organization (ICAO) bringt sie ihre praktische Erfahrung direkt in Sicherheitsstandards und Regulierung ein. 

Die folgende Übersicht zeigt, wie breit die Flight-Safety-Arbeit der VC aufgestellt ist, in welchen Organisationen sie eingebunden ist und wo sie ihre Expertise einbringt. 

 

Vereinigung Cockpit: Arbeitsgruppen & Task Forces  

  • AG Accident Analysis & Prevention (AAP) 
  • AG Aircraft Design & Operation (ADO) 
  • AG Airport & Ground Environment (AGE) 
  • AG Air Traffic Services (ATS) 
  • AG Diversity & Social (DAS) 
  • AG Flugdienst- & Ruhezeiten (FTL) 
  • AG Helicopter (HEL) 
  • AG Legal (LEG) 
  • AG Occupational Health & Medicine (OHM)  
  • AG Qualification & Training (QUAT) 
  • AG Security (SEC) 
  • AG Unmanned Aircraft Systems+ (UAS+) 
  • AG Peer Support 
  • TF IT Security 
  • TF Reduced Crew Operations  
  • TF Environment 

 

ECA und IFALPA: Arbeitsgruppen & Committees 

ECA Working Groups 

  • Flight Data
  • Flight Time Limitations  
  • Training, Licensing & Ops 
  • Air Traffic Management & Aerodromes  
  • Security  
  • Helicopter  
  • UAS+  
  • Reduced Crew Ops TF 

 IFALPA Committee 

  • Accident Analysis & Prevention 
  • Aircraft Design & Operation 
  • Aerodrome & Ground Environment 
  • Air Traffic Services 
  • Dangerous Goods 
  • Helicopter 
  • Human Performance 
  • Legal 
  • Security 
  • Women Pilots’ Committee 

 

Nationale Einbindung 

  • LBA – Luftfahrt-Bundesamt 
  • DFS – Deutsche Flugsicherung 
  • BFU – Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung 
  • BMVI – Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur 
  • BMI – Bundesministerium des Innern 
  • BAF – Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung 
  • ADV – Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen 
  • BDL – Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft 
  • BPOL – Bundespolizei 
  • BDLS – Bundesverband der Luftsicherheitsunternehmen 

 

EU, Sicherheitsgremien und internationale Organisationen 

  • Europäische Kommission 
  • EU SAGAS – EU Stakeholders Advisory Group on Aviation Security 
  • NEASCOG – NATO-EUROCONTROL ATM Security Coordinating Group 
  • EUNADICS-AV – European Natural Airborne Disaster Information and Coordination System for Aviation 
  • ICAO – International Civil Aviation Organization 
  • EASA – European Union Aviation Safety Agency 
  • IFALPA – International Federation of Airline Pilots’ Associations 
  • IATA – International Air Transport Association 
  • EUROCONTROL 
  • ECAC – European Civil Aviation Conference 
  • EUROCAE – European Organisation for Civil Aviation Equipment 
  • ECA – European Cockpit Association 
  • FAA – Federal Aviation Administration 
  • NATO – North Atlantic Treaty Organization 
     

Weitere internationale Akteure 

  • FSF – Flight Safety Foundation 
  • IFATCA – International Federation of Air Traffic Controllers’ Associations 
  • SAE – Society of Automotive Engineers 
  • ASHRAE – American Society of Heating, Refrigerating and Air-Conditioning Engineers 
  • JARUS – Joint Authorities for Rulemaking on Unmanned Systems 
  • UAV DACH e.V. - Verband für unbemannte Luftfahrt
  • GCAQE – Global Cabin Air Quality Executive