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Anja Granvogl, Vorständin Flight Safety, und Andreas Pinheiro, VC-Präsident, am Bundesverkehrsministerium / © Vereinigung Cockpit e.V.
Beim ersten Round Table zur Flugmedizin hat das Bundesverkehrsministerium deutlich Position bezogen. Über Kommunikationsdefizite, strukturelle Engpässe und eine umstrittene Prüfungspraxis wurde offen gesprochen – begleitet von politischem Druck und konkreten Zeitplänen. Im Interview ordnen Andreas Pinheiro, Präsident der Vereinigung Cockpit, und Anja Granvogl, Flight-Safety-Vorständin der VC, ein, warum dieses Treffen mehr war als ein symbolischer Auftakt – und weshalb vorsichtiger Optimismus angebracht ist.
Der erste Round Table zur Flugmedizin ist vorbei. War das ein Durchbruch oder nur ein weiteres Gespräch
Pinheiro: Ein Durchbruch wäre zu viel gesagt. Aber es war mehr als ein routinemäßiger Austausch. Zum ersten Mal hatte man den Eindruck, dass das Bundesverkehrsministerium das Thema nicht nur moderiert, sondern aktiv treibt. Die Probleme wurden nicht kleingeredet, sondern offen benannt – teilweise sehr deutlich.
Was hat diesen Eindruck besonders geprägt?
Pinheiro: Die Eröffnung durch Staatssekretär Stefan Schnorr. Er hat klar gesagt, dass die Lage zwar etwas stabiler sei, der Handlungsdruck aber unverändert hoch bleibe. Vor allem hat er unmissverständlich klargemacht, dass es keine einfache Lösung geben wird – und dass man bereit ist, auch unbequeme Fragen zu stellen. Das war neu in dieser Schärfe.
Ein zentrales Thema war die Kommunikation zwischen Luftfahrt-Bundesamt, Fliegerärzten und Antragstellern.
Granvogl: Ja, und dort wurden massive Defizite sichtbar. Fehlende Erreichbarkeit, widersprüchliche Vorgaben, technisch mangelhafte Prozesse. Dass das Ministerium offen gesagt hat, diese Kommunikationsstruktur sei „nicht tragfähig“, war bemerkenswert. Das ist eine klare Ansage an das LBA.
Pinheiro: Und neu war auch, dass diese Fragen nicht nur gestellt, sondern konsequent verfolgt wurden. Man hat gemerkt: Das Ministerium will Ergebnisse sehen, nicht nur Gesprächsprotokolle.
Das LBA verweist auf unvollständige Unterlagen als Hauptursache für Verzögerungen. Überzeugt euch das
Granvogl: Nur teilweise. Natürlich verzögern unvollständige Anträge Verfahren. Aber das erklärt nicht die systematische Nachforderung kompletter Gesamtbefunde bei Verweisungen. Genau dort lag der zentrale Konflikt des Tages. Diese Praxis führt zu unnötigen Schleifen und enormem Zeitverlust – oft ohne erkennbaren medizinischen Mehrwert. Das wurde im Raum sehr deutlich angesprochen.
Das Ministerium hat diese Praxis ungewöhnlich offen kritisiert.
Pinheiro: Absolut. Mehrfach wurde gefragt, warum über den konkreten Verweisungsgrund hinaus vollständige Neubewertungen erfolgen. Das ist nicht nur eine Frage der Effizienz, sondern auch der Verhältnismäßigkeit. Dass das Ministerium hier eine juristische Prüfung angekündigt hat, zeigt, wie ernst man es meint.
Wie bewertet ihr die Position des LBA?
Granvogl: Das LBA hat seine Linie verteidigt und auf Qualitätsunterschiede bei den AMEs verwiesen. Das mag aus Verwaltungssicht nachvollziehbar sein, überzeugt aber fachlich und rechtlich nicht in dieser Pauschalität. Das BMV
hat anerkannt, dass Vertrauen entlang der gesamten Prozesskette – zwischen Piloten, Fliegerärzten und LBA – essenziell ist, um Verfahren effizient zu gestalten und Verweisungsdauern zu verkürzen. Werden Verweisungen zu lang, besteht die Gefahr, dass Piloten gesundheitliche Probleme nicht offenlegen. Das ist kein individuelles, sondern ein strukturelles Problem – und damit ein Risiko für die Flugsicherheit.
Welche Rolle spielte die europäische Ebene?
Granvogl: Die EASA hat deutlich gemacht, dass es klarere europäische Leitplanken braucht. Gleichzeitig wurde sichtbar, dass unter fehlenden nationalen Leitlinien und einer inkonsistenten Praxis das Vertrauen zwischen Fliegerärzten und Behörden leidet. Das ist zwar kein rein deutsches, aber ein besonders ausgeprägtes deutsches Problem.
Ein weiterer Punkt waren Ressourcen und externe Vergaben.
Pinheiro: Externe Honorarkräfte werden beim LBA in einem sehr kleinen Maße eingesetzt. Die Nutzung externer Ressourcen ist momentan völlig unzureichend. Hier kann noch viel mehr gehoben werden aus unserer Sicht. Das BMV sieht diese Maßnahme als nachgelagert, vermutlich auch um dem LBA keine Befugnisse zu nehmen. Das kann ich verstehen: Zunächst soll der Prozess sauber ablaufen. Wenn das nicht reicht, hat man noch Maßnahmen in der Hinterhand.
Aus unserer Sicht wird es aber nicht ohne die Nutzung der externen Aeromedical Center gehen. Dort sitzen die Experten, die schnell und effektiv arbeiten können. Die Frage der rechtlichen Verantwortung kann aus unserer Sicht auch gelöst werden. Hier werden wir weiter Druck machen, denn für uns ist das der Schlüssel.
Wer saß eigentlich alles am Tisch?
Granvogl: Vertreten waren das Bundesministerium für Digitales und Verkehr, das Luftfahrt-Bundesamt, die EASA, juristische Vertreter sowie zahlreiche Organisationen aus dem flugmedizinischen und flugbetrieblichen Bereich. Für die Vereinigung Cockpit waren wir beide dabei, was wichtig war, um die Perspektive der Pilotinnen und Piloten klar einzubringen.
Euer Gesamtfazit?
Pinheiro: Der Termin war deutlich besser als erwartet. Kein reiner Beruhigungstermin, sondern politisch eng geführt, mit klaren Timelines: Gespräche zur Digitalisierung in den nächsten Wochen, rechtliche Klärung der Prüfungsintensität Anfang März, Ressourcenfragen als dritter Block.
Granvogl: Vorsichtig formuliert: Es geht in die richtige Richtung. Entscheidend wird sein, ob den Worten jetzt auch sichtbare Veränderungen folgen – insbesondere beim LBA. Dort war bislang kein echtes Umdenken erkennbar.
Was erwartet ihr von der nächsten Sitzung?
Pinheiro: Dass erste Fortschritte konkret messbar sind. Der Druck ist da, die Zeitpläne sind eng. Es wird sich zeigen, ob dieser Round Table der Anfang eines Strukturwandels sein wird.