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Oliver Löwe, VC-Vorstand / © Vereinigung Cockpit e.V.
Im Interview erklärt VC-Vorstand Oliver Löwe, warum längere Befristungen, neue Kündigungsregeln und Änderungen bei der Krankmeldung aus Sicht der Pilotinnen und Piloten nicht nur arbeitsrechtliche Fragen sind – sondern auch Fragen der Flugsicherheit.
Oliver, die Bundesregierung verspricht mit ihrem Programm mehr Wachstum, mehr Beschäftigung und weniger Bürokratie. Warum kritisiert die Vereinigung Cockpit das Papier trotzdem?
Weil gute Absichten nicht automatisch gute Gesetze ergeben. Natürlich wollen wir einen starken Wirtschaftsstandort. Aber wenn Maßnahmen Beschäftigte unter Druck setzen oder sogar die Flugsicherheit berühren, müssen wir darauf hinweisen. Sicherheit darf nicht zum Preis für mehr Flexibilität werden.
Ein Schwerpunkt eurer Kritik ist die geplante Ausweitung sachgrundloser Befristungen auf bis zu vier Jahre.
Flexibilität für Unternehmen darf nicht zu Unsicherheit für Beschäftigte werden – jedenfalls nicht in system- und sicherheitsrelevanten Berufen. Wer vier Jahre lang nicht weiß, ob der Vertrag verlängert wird, arbeitet permanent unter Druck. Im Cockpit kommt hinzu: Die Ausbildung kostet oft einen sechsstelligen Betrag, Lizenzen müssen regelmäßig erneuert werden und medizinische Tauglichkeitsprüfungen entscheiden über die Berufsausübung. Diesen Druck noch zu erhöhen, halten wir für falsch.
Welche Auswirkungen befürchtest du?
Eine moderne Sicherheitskultur in der Luftfahrt basiert darauf, dass Menschen Probleme offen ansprechen können – ohne Angst um ihren Arbeitsplatz. Wer befürchten muss, dass jede kritische Entscheidung Auswirkungen auf eine Vertragsverlängerung hat, gerät in einen Loyalitätskonflikt. Genau solche Situationen versucht die Luftfahrt seit Jahrzehnten zu vermeiden.
Ihr fordert deshalb Ausnahmen für euren Berufsstand.
Ja. Es gibt Bereiche, in denen der Gesetzgeber besondere Verantwortung trägt. Niemand käme auf die Idee, bei der Flugsicherung oder in der Luftfahrt Wartungsstandards aus Gründen der Flexibilität aufzuweichen. Das Gleiche gilt aus unserer Sicht für die Arbeitsbedingungen derjenigen, die während eines Fluges Verantwortung für hunderte Menschen tragen.
Besonders scharf fällt eure Kritik an der geplanten Abfindungsregelung für sogenannte Hochverdiener aus.
Unser Berufsweg basiert auf einem Senioritätssystem. Wer seinen Arbeitsplatz verliert, verliert nicht nur sein aktuelles Gehalt, sondern wird trotz langjähriger Berufserfahrung bei einer anderen Airline wie ein Berufsanfänger behandelt. Daraus ergibt sich eine Realität, in der wir kaum Wechselmöglichkeiten haben. Wir glauben, dass die Bundesregierung hier die Zielgruppe der leitenden Angestellten und außertariflichen Beschäftigten im Blick hat, deren Berufswege sich von uns als Kollektiv diametral unterscheiden.
Außerdem öffnet die geplante Abfindungsregelung dem Arbeitgeber Tür und Tor für individuelle Kündigungen, die nicht in der Person begründet sind (z. B. Lizenzwegfall). Solche Szenarien könnten als Druckmittel gegenüber einzelnen Beschäftigten eingesetzt werden, etwa bei vermeintlich fehlender Linientreue.
Ihr befürchtet auch Auswirkungen auf Tarifverhandlungen.
Absolut. Wenn Beschäftigungssicherheit plötzlich weniger wert ist, wird sie zum zentralen Verhandlungsthema. Das macht Tarifrunden komplizierter und teurer. Am Ende profitieren weder Unternehmen noch Beschäftigte davon.
Auch die geplante Pflicht, schon am ersten Krankheitstag eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vorzulegen, lehnt ihr ab. Warum?
Weil im Cockpit ein ganz einfacher Grundsatz gilt: Wer krank ist, fliegt nicht. Wir wollen keine Anreize schaffen, dass sich jemand trotz Krankheit ins Flugzeug setzt, weil der Arzttermin schwierig zu bekommen ist oder zusätzlicher Aufwand entsteht. Die Krankheitsquote bei Pilotinnen und Piloten ist ohnehin niedrig. Wir sehen deshalb keinen Mehrwert, wohl aber ein Sicherheitsrisiko.
Ein weiterer Punkt ist die geplante Reform des Informationsfreiheitsgesetzes. Warum betrifft das auch euch?
Weil Transparenz demokratische Kontrolle ermöglicht. Verbände übernehmen häufig die Aufgabe, Missstände oder Zusammenhänge sichtbar zu machen, die Einzelpersonen gar nicht erkennen können. Wenn Verbände künftig keine Anträge mehr stellen könnten, wäre das aus unserer Sicht ein Rückschritt.
Schließlich fordert ihr bei der angekündigten Rentenreform Sonderregelungen für Berufe mit gesetzlichen Altersgrenzen.
Das ist eigentlich eine Frage der Fairness. Pilotinnen und Piloten dürfen ihren Beruf aus rechtlichen Gründen nicht unbegrenzt ausüben. Wer gezwungen ist, früher aus dem Beruf auszuscheiden, darf dadurch nicht zusätzlich Nachteile bei der Altersversorgung haben. Dieses Problem betrifft übrigens auch andere Berufsgruppen mit vergleichbaren Altersgrenzen.
Wenn du das Regierungsprogramm auf einen Satz reduzieren müsstest – was würdest du der Bundesregierung mitgeben?
Wirtschaftliche Stärke und gute Arbeitsbedingungen sind kein Widerspruch. Wer nachhaltiges Wachstum will, muss die Menschen schützen, die jeden Tag Verantwortung tragen – gerade dort, wo Sicherheit oberste Priorität hat.