Barbara Zibler / © privat

„Sie lebte, als wäre sie in einem späteren Jahrhundert geboren“

Die Historikerin Barbara Zibler über Melli Beese – Deutschlands erste Motorfliegerin, Pionierin, Konstrukteurin und Außenseiterin.

Frau Zibler, Sie beschäftigen sich seit mehr als 30 Jahren mit der Flugpionierin Melli Beese. Wie sind Sie ihr eigentlich begegnet?

Das war fast ein Zufall. Ich habe im Berliner Bezirk Treptow ein regionales Museum aufgebaut und dort die erste Ausstellung zum Motorflugplatz Johannisthal kuratiert. Dieser Flugplatz liegt nur wenige hundert Meter vom Museum entfernt. Bei den Recherchen stieß ich auf den Namen Melli Beese – und war sofort elektrisiert. Eine Frau in der Frühzeit des Motorflugs? Ich konnte mir kaum vorstellen, wie es ihr ergangen sein muss. Also begann ich, ihr Leben aus vielen Bruchstücken zu rekonstruieren.

Und daraus entstand dann eine eigene Ausstellung?

Ja. Die zweite Ausstellung im Museum war ihr gewidmet. Ursprünglich war sie nur für diesen Ort gedacht – aber sie wurde dann unfreiwillig zur Wanderausstellung. Sie war in sieben Museen zu sehen, unter anderem im Verkehrsmuseum Dresden, im Deutschen Museum in München und im Frauenmuseum Bonn. Bis dahin war Melli Beese in der Luftfahrtliteratur höchstens in kurzen Absätzen erwähnt worden. Plötzlich wurde sie sichtbar.

Wer war diese Frau? Was für eine Persönlichkeit begegnete Ihnen in Ihren Recherchen?

Melli Beese wurde am 13. September 1886 in Laubegast bei Dresden geboren. Sie war eine Erscheinung. Heute können wir uns kaum noch vorstellen, wie ungewöhnlich ihr Weg war. Wenn heute eine junge Frau Astronautin werden will, ist das nichts Außergewöhnliches mehr. Aber um 1910 gab es weltweit vielleicht vier oder fünf Pilotinnen. In Deutschland: keine.

Deutschland war in der Frühzeit der Luftfahrt ohnehin kein Vorreiter. Männer versuchten mit fragilen Flugapparaten aus Holz, Stoff und Draht das Unmögliche möglich zu machen – und niemand wusste, ob das überhaupt funktionieren würde. Und mitten hinein in diese Welt tritt eine junge Frau und sagt: Ich will fliegen.

Woher nahm Melli Beese den Mut, einen so ungewöhnlichen Weg einzuschlagen?

Sie wuchs in einem sehr offenen, für die Zeit ungewöhnlich modern denkenden Elternhaus auf. Ihr Vater war Bildhauer, selbst ein schöpferischer Mensch, der an technischem Fortschritt und künstlerischer Arbeit gleichermaßen interessiert war. Er förderte seine Tochter – und finanzierte ihr auch die Ausbildung.

Melli Beese studierte zunächst selbst Bildhauerei an der Königlichen Akademie der Freien Künste in Stockholm, weil Frauen in Deutschland damals noch nicht an Kunstakademien zugelassen waren. Allein diese Entscheidung war schon ein Bruch mit den gesellschaftlichen Konventionen.

Ohne das Einverständnis und die Unterstützung ihres Vaters wäre ihr späterer Weg in die Luftfahrt überhaupt nicht möglich gewesen. Dieses Elternhaus hat ihr den Mut gegeben, eigene Träume zu verfolgen – und sie nicht auf die Rolle der „höheren Tochter“ zu reduzieren.

Wie kam dann der Wunsch auf, Pilotin zu werden?

Sie hörte von den Flugversuchen der Gebrüder Wright in Amerika. Gleichzeitig wurde in Berlin-Johannisthal der erste reguläre Motorflugplatz eröffnet. Sie wusste: Dort passiert Geschichte. Und sie wollte Teil davon sein.

Ihre Eltern mussten diesem Wunsch zustimmen.

Ja. Die Ausbildung kostete 4000 Goldmark – eine enorme Summe. Und sie musste ihre Eltern davon überzeugen, dass sie dieses waghalsige Unternehmen beginnen durfte. 

Doch sie setzte sich durch.

Und dann begann der Widerstand.

Die Männer auf den Flugplätzen wollten keine Frau in ihren Reihen. Sie fürchteten um ihren Nimbus. Sie wollte keine Flugschule aufnehmen. Als sie schließlich einen Lehrer fand, stürzte er mit ihr ab – er saß am Steuer, nicht sie. Danach weigerte er sich, weiter mit ihr zu fliegen. Aberglaube: Eine Frau an Bord bringt Unglück.

Später, bei einer anderen Flugschule, wurde sie regelrecht sabotiert. Benzin wurde abgelassen, Zündkerzen manipuliert, Verspannungen der Tragflächen gelöst. Man wollte verhindern, dass sie ihr Flugexamen ablegt.

Heute würde man sagen: Sie wurde gemobbt.

Ja. Und mehr als das – es waren Anschläge. Aber sie ließ sich nicht beirren. Als ihre größten Widersacher einmal nicht auf dem Flugplatz waren, nutzte sie die Gelegenheit und legte ihr Examen ab.

Sie blieb nicht nur Pilotin.

Nein. Sie ging weiter. Sie baute Flugzeuge, gründete eine kleine Fabrik, eröffnete eine Flugschule. Sie war nach Rumpler die erste, die die berühmte Etrich-Taube nachbaute und verbesserte. Sie erwarb mehrere Patente, unter anderem für eine Konstruktion, die den Auf- und Abbau der Tragflächen deutlich erleichterte – eine Erfindung, die später auch vom Militär genutzt wurde.

Und sie bildete selbst aus – auch Frauen. In einer Zeit, in der theoretischer Unterricht an Flugschulen keineswegs selbstverständlich war, legte sie größten Wert darauf.

Sie war immer einen Schritt voraus.

1913 heiratete sie den französischen Piloten Charles Boutard.

Nach damaligem Recht wurde sie damit Französin. Und mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs galten beide plötzlich als feindliche Ausländer. Sie wurden enteignet, verfolgt und schließlich nach Wittstock an der Dosse verbannt.

Sie lebten dort in bitterer Armut. Melli Beese schreibt, sie hätten nur von den Gaben mitleidiger Bauern überlebt – denn es war verboten, feindlichen Ausländern Lebensmittel zu verkaufen. Beide erkrankten an Tuberkulose. Sie waren am Ende des Krieges physisch und seelisch gebrochen.

Nach dem Krieg wollte sie noch einmal neu beginnen.

Ja. Sie hatte die Vision eines Weltflugs mit zwei Maschinen, begleitet von einem Filmprojekt. Sie wollte den Flug dokumentieren, als Unterrichtsmaterial nutzen, als modernes Lehrprojekt. Aber sie fand keine Sponsoren. Der Traum scheiterte.

Hätte er sich erfüllt, wäre sie ein Weltstar geworden.

Doch stattdessen blieb ihr ein Leben in wirtschaftlicher Unsicherheit. Und das war ein Leben, das sie nicht führen konnte. Sie war ein Mensch der großen Pläne. Ein Leben im Rückzug war ihr fremd.

1934 nahm sie sich das Leben – in der Nähe des Flugplatzes, an dem alles begonnen hatte.

Wie würden Sie Melli Beese heute beschreiben?

Sie lebte, als wäre sie in einem späteren Jahrhundert geboren. Frei von Konventionen. Sie trug Lederfliegerkleidung – nicht nur auf dem Flugplatz, sondern auch im Restaurant. Die Gäste waren schockiert, der Oberkellner erklärte, dass hier eine Pilotin speise. Für sie wurde eine Ausnahme gemacht.

Sie provozierte. Sie war mutig. Sie war kompromisslos.

Und sie hat mit ihrem Leben dazu beigetragen, dass Frauen heute selbstverständlich studieren, Sport treiben, technische Berufe ergreifen können. Sie hat die Grenzen ihrer Zeit nicht akzeptiert – sie hat sie überschritten.

Frau Zibler, Sie haben Melli Beese über Jahrzehnte begleitet – in Ausstellungen, Filmen, Vorträgen. Was bedeutet sie Ihnen persönlich?

Sie lässt mich nicht los. Immer wieder taucht ein neues Projekt auf, ein Film, eine Anfrage. Und dann merke ich: Ihre Geschichte ist noch lange nicht auserzählt.

Zur Person
Barbara Zibler ist Historikerin und langjährige Museumsleiterin. Sie studierte Geschichte und war viele Jahre wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Humboldt-Universität zu Berlin. Später arbeitete sie über viele Jahre in der Kultur- und Museumsarbeit. Nach dem Mauerfall baute sie im Berliner Bezirk Treptow ein regionales Museum auf und kuratierte zahlreiche Ausstellungen zur Stadt- und Technikgeschichte. Bekannt wurde sie vor allem durch ihre wegweisende Wanderausstellung über die Flugpionierin Melli Beese, mit der sie deren fast vergessenes Leben erstmals einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machte. Seither begleitet sie das Thema in Vorträgen, Filmen und Publikationen.