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Claus Weselsky auf dem Symposium der Fachgewerkschaften in Frankfurt / @ Tim Goger
Du hast in deiner Laufbahn wie kaum ein anderer erlebt, welche Rolle Fachgewerkschaften im Gefüge der deutschen Arbeitswelt spielen. Warum sind sie aus Deiner Sicht unverzichtbar?
Weil sie Spezialisten vertreten – und zwar echte Spezialisten. Ob Lokomotivführer, Flugzeugbesatzungen, Ärztinnen und Ärzte oder Fluglotsen: Das sind Berufe mit extremen Anforderungen, besonderen Arbeitsbedingungen und hoher Verantwortung. Ein Einheitsansatz funktioniert da nicht. Fachgewerkschaften schließen passgenaue Tarifverträge, die der Realität dieser Berufe und vor allem deren speziellen Arbeitszeiten entsprechen. Das unterscheidet sie von Großgewerkschaften, die häufig nach dem Prinzip „Was nicht für alle gut ist, ist für keinen gut!“ agieren. So funktioniert eine moderne Arbeitswelt für Spezialisten aber nicht mehr.
Du selbst wurden in Ostdeutschland politisiert – durch die Erfahrung mit einer einzigen Gewerkschaft. Welche Spuren hat das hinterlassen?
Eine sehr tiefe. In der DDR gab es de facto keine Gewerkschaftsfreiheit. Der FDGB (Freier Deutscher Gewerkschaftsbund) war ein verlängerter Arm der Partei SED. Dass Lokomotivführer 1990 in Halle-P mutig eine eigene GDL-DDR gründeten, war ein Akt gelebter Demokratie und Solidarität von Berufskollegen untereinander. Als jemand, der selbst erlebt hat, wie es ist, einer einzigen Gewerkschaft ausgeliefert zu sein, reagiere ich allergisch, wenn heute Politiker oder Arbeitgeber mit ähnlichen Ideen liebäugeln. Und das passiert – leider.
Du sagst klar: Das Tarifeinheitsgesetz (TEG) sei ein solcher Schritt in Richtung Gewerkschaftszugehörigkeit zu verordnen. Warum?
Weil es die Koalitionsfreiheit des Grundgesetzes einschränkt. Weil es kleinen, hoch spezialisierten Gewerkschaften das Leben schwer macht, bis hin zu deren Existenzvernichtung – und großen Verbänden Instrumente in die Hand gibt, die Gewerkschaftskonkurrenz kleinzuhalten. Das ist das Gegenteil von Koalitionsfreiheit nach Artikel 9 Abs. 3 unseres Grundgesetzes und fairem Wettbewerb im Rahmen der gesetzlich geschützten Tarifautonomie.
Das Bundesarbeitsgericht hat 2010 klargemacht: Tarifpluralität ist verfassungsrechtlich geschützt. Genau das wurde mit dem TEG per Gesetz ausgehebelt. Dass ein Arbeitgeber heute bestimmen kann, welcher Tarifvertrag gilt, obwohl die Mehrheit der Beschäftigten etwas anderes will – das halte ich schlicht für undemokratisch.
Kritiker sagen, das TEG solle „Zersplitterung“ verhindern und Lohndumping stoppen. Was entgegnest du?
Das ist eine vorgeschobene Begründung. Fachgewerkschaften wie die GDL, Cockpit, Marburger Bund oder GdF haben niemals Lohndumping betrieben – im Gegenteil. Wir haben in unseren Branchen Lohndumping verhindert und überhaupt erst Tarifverträge professionalisiert und faire Löhne durchgesetzt.
Das TEG entstand nicht aus Sorge um Beschäftigte, sondern weil Arbeitgeberverbände – unterstützt von Teilen der Politik – die Tarifmacht kleiner, gut organisierter Gewerkschaften eindämmen wollten. Und leider haben einige Großgewerkschaften des DGB dabei mitgemacht. Das Tarifeinheitsgesetz hätte es nie gebraucht.
Du sprichst oft vom Lobbydruck großer Unternehmen. Wie sah der konkret aus?
Deutsche Bahn und Lufthansa haben enorme Geldsummen investiert, um das TEG politisch voranzutreiben. Professorengutachten, Kampagnen, Hintergrundgespräche – alles dabei. Der Höhepunkt war für mich, als eine Bundeskanzlerin meinte, man könne das Thema Tarifeinheit „bei einem guten Essen und einem Glas Rotwein lösen“. Das zeigt, einerseits die Arroganz der Macht und andererseits wie wenig Sachverstand aktive Politiker für die Realität von Beschäftigten und Gewerkschaften haben.
Du betonst immer wieder die Bedeutung der Koalitionsfreiheit. Was ist für Dich der Kern?
Koalitionsfreiheit heißt: Beschäftigte dürfen selbst entscheiden, wen sie zu ihrer Vertretung machen. Es heißt nicht: Der Staat bestimmt, welche Gewerkschaft groß genug ist, um Rechte zu haben. Und es heißt auch nicht: Ein Arbeitgeber soll definieren dürfen, wer „maßgeblich“ ist. Diese Freiheit ist ein Grundpfeiler unserer Demokratie – und sie ist unantastbar.
Blicken wir auf die Zukunft: Wie könnten Gewerkschaften mit dem TEG umgehen?
Zwei Dinge sind entscheidend:
Letzte Frage: Was motiviert dich, trotz jahrelanger Auseinandersetzungen weiter für Fachgewerkschaften zu kämpfen?
Die Menschen. Lokomotivführer, Zugbegleiter, Piloten oder Flugbegleiter – sie alle leisten enorme Arbeit, oft mit großer Verantwortung. Diese Berufe verdienen Respekt und gute Arbeitsbedingungen. Fachgewerkschaften sorgen dafür, gestern, heute und in der Zukunft. Wenn wir das nicht tun, tut es keiner. Darum kämpfe ich weiter. Und ich bin sicher: Der Tag kommt, an dem wieder verstanden wird, dass Tarifpluralität kein Problem, sondern eine Stärke dieses Landes ist.