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Sorge um Arbeitsfähigkeit der Aircraft Proximity Evaluation Group: VC stellt IFG-Antrag beim Bundesverkehrsministerium

Ist die Expertengruppe Aircraft Proximity Evaluation Group (APEG) noch voll arbeitsfähig? Mit dieser Sorge wendet sich die Vereinigung Cockpit (VC) an das Bundesverkehrsministerium und hat einen Antrag nach dem Informationsfreiheitsgesetz (IFG)* gestellt.

Im Mittelpunkt stehen Fragen zur Wahrnehmung staatlicher Aufgaben bei der Bewertung und Kontrolle des Zusammenstoßrisikos im unteren Luftraum in Deutschland. Bei mehreren Mitgliedern der Gruppe wächst die Unsicherheit über die systematische Erfassung, Auswertung und Bearbeitung von AIRPROX-Vorfällen (Annäherungen von Luftfahrzeugen), die ein zentrales Element zur Bewertung der Flugsicherheit darstellen.

Diese Arbeit ist deswegen sehr wichtig, weil Deutschland im europäischen Vergleich einen sehr liberalen Luftraum hat. An vielen deutschen Verkehrsflughäfen müssen kommerzielle Linienflugzeuge während des An- und Abflugs durch Lufträume fliegen, in denen sie von der Flugsicherung nicht zu Sichtfliegern gestaffelt werden. Da es keine Verpflichtung zur elektronischen Sichtbarkeit für alle Luftfahrzeuge gibt, können die Besatzungen der Passagierflugzeuge diese Verkehre teilweise nicht auf ihren Displays sehen und bekommen auch keine Warnhinweise. Während der arbeitsintensiven Phase des An- und Abflugs müssen die Crews versuchen, diese teils sehr schlecht erkennbaren Luftfahrzeuge (z.B. Segelflugzeuge) visuell zu entdecken. 

Mehrere Studien 1,2,3 und Beinahezusammenstöße4 haben belegt, dass dieses Prinzip nicht zuverlässig funktioniert. Deswegen ist es entscheidend das Zusammenstoßrisiko systematisch zu bewerten und wo nötig Maßnahmen zu ergreifen, bevor es zu einer Kollision kommt.

Zentrale Fragestellungen des IFG-Antrags

Die VC bittet das Ministerium unter anderem um Auskunft zu folgenden Punkten:

  • Fallzahlen und Bearbeitungsstand:
    Wie viele AIRPROX-Fälle wurden in den Jahren 2023 bis 2025 gemeldet, wie viele davon klassifiziert und ob Fälle unbearbeitet geblieben sind.
  • Verfahrensabläufe und Datenlage:
    In wie vielen Fällen wichtige Daten (z. B. Radar- oder Sprechfunkaufzeichnungen) nicht oder verspätet verfügbar waren und wie häufig APEG-Sitzungen stattfanden.
  • Risikobewertung und Auswertung:
    Ob es systematische jährliche Auswertungen gibt, welche geografischen Risikoschwerpunkte identifiziert wurden und welche beitragenden Faktoren besonders häufig auftreten.
  • Maßnahmen zur Verbesserung der Sicherheit:
    Welche konkreten Empfehlungen („Safety Promotion“) aus den Erkenntnissen der APEG abgeleitet und veröffentlicht wurden.
  • Ressourcenausstattung beim Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung (BAF):
    Wie viele Stellen für die Bearbeitung von APEG-Themen vorgesehen und tatsächlich besetzt sind sowie ob es seit Beginn der Legislaturperiode Einsparungen gab.
  • Rolle des Ministeriums als „Risk Owner“:
    Welche Mechanismen das BMV zur Steuerung des Kollisionsrisikos nutzt und welche Rolle die APEG dabei spielt.

Ziel: Mehr Transparenz und höhere Flugsicherheit

„Eine fundierte und vollständige Auswertung von AIRPROX-Vorfällen ist essenziell für die Flugsicherheit. Nur wenn Risiken systematisch erkannt und bewertet werden, können wirksame Maßnahmen abgeleitet werden. Wir haben die Sorge, dass die APEG aktuell nicht den Stellenwert und die Ressourcen erhält, die für eine gute Arbeit nötig sind“, erklärt Anja Granvogl, VC-Vorständin. „Mit unserem IFG-Antrag wollen wir klären, ob die bestehenden Strukturen und Ressourcen diesen Anforderungen gerecht werden.“

Die VC betont, dass es ihr Anliegen ist, mögliche strukturelle Defizite frühzeitig zu identifizieren und konstruktiv zur Verbesserung des Sicherheitsniveaus im deutschen Luftraum beizutragen.

*Ein IFG-Antrag ist ein Antrag nach dem Informationsfreiheitsgesetz (IFG), mit dem Bürgerinnen und Bürger Zugang zu amtlichen Informationen von Behörden verlangen können.


1 Limitations of the See-and-Avoid Principle – ATSB, 1991
2 Abschlußbericht BEKLAS – Erkennbarkeit von Segelflugzeugen und kleinen motorisierten Luftfahrzeugen – Im Auftrag des Bundesministers für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen, 2004
3 Aircraft performance and cockpit visibility study – ATSB, 2022
4  BFU19-1124-5X Untersuchungsbericht zu einer schweren Störung, AIRPROX nahe Reinfeld – BFU 2020