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© Magnigic, Jaromirchalabala
Der Vorfall von Vietnam Airlines in München hat ein Risiko in den Blick gerückt, das in der kommerziellen Luftfahrt trotz ihres hohen Sicherheitsniveaus bis heute nicht komplett gebannt ist: Die Boeing 787 von Vietnam Airlines rollte beim Start über die Piste hinaus, bevor sie doch noch abheben konnte. Sogenannte Runway Excursions – also das seitliche Abkommen von der Start- und Landebahn oder das Überrollen ihres Endes – gehören weiterhin zu den bedeutenden Risiken im Luftverkehr.
Solche Ereignisse haben selten nur eine Ursache. Wetter, Zustand und Länge der Piste, Anfluggeschwindigkeit, Aufsetzpunkt, Bremswirkung, technische Faktoren oder Entscheidungen im Cockpit können zusammenspielen. Entsprechend lässt sich das Risiko auch nicht allein durch eine einzelne Vorschrift oder Maßnahme beherrschen. Gefragt ist das Zusammenspiel aller Beteiligten: Fluggesellschaften und Besatzungen ebenso wie Flughäfen, Flugsicherung, Hersteller und Behörden.
Genau hier setzt der Global Action Plan for the Prevention of Runway Excursions (GAPPRE) an. Er wurde im Rahmen einer Initiative von Eurocontrol und der Flight Safety Foundation entwickelt; die dritte Version erschien 2022. Experten aus mehr als 40 internationalen Organisationen und unterschiedlichen Bereichen der Luftfahrt haben daran mitgearbeitet. Auch Organisationen wie EASA, IATA, CANSO und ACI waren in die Validierung eingebunden.
Das Besondere an dem Ansatz: GAPPRE beschränkt sich nicht darauf, bestehende Vorschriften zusammenzufassen. Der Aktionsplan enthält Empfehlungen und ausführliches Guidance Material, das über regulatorische Mindestanforderungen hinausgeht. Dahinter steht ein in der Flugsicherheit entscheidender Gedanke: Ein System wird nicht allein dadurch möglichst sicher, dass alle gesetzlichen Vorgaben erfüllt werden. Zusätzliche Sicherheit entsteht dort, wo bekannte Risiken systematisch untersucht und bewährte Verfahren konsequent angewendet werden.
Allerdings entfalten Empfehlungen erst dann Wirkung, wenn sie Eingang in den täglichen Betrieb finden. Die im GAPPRE angesprochenen Organisationen müssen deshalb ihre bestehenden Verfahren mit den Empfehlungen abgleichen. Eine solche Gap-Analyse zeigt, welche Maßnahmen bereits umgesetzt sind – und wo Lücken bestehen. Adressiert sind unter anderem Flughafenbetreiber, Flugsicherungsorganisationen, Fluggesellschaften, Hersteller, Entwicklungsbetriebe und Luftfahrtbehörden.
Die Vereinigung Cockpit ruft diese Organisationen und Stellen dazu auf, ihre Verfahren und Prozesse anhand des GAPPRE zu überprüfen und bislang nicht umgesetzte, bewährte Praktiken zu übernehmen.