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Jamila, Pin, wenn man die Kommunikation von Verdi in den vergangenen Wochen verfolgt, könnte man meinen: Diese Wahlen waren ein Triumph. Stimmt das?
Jamila: Das kommt darauf an, wie man Gewinnen definiert. Wenn es reicht, überall mitgespielt zu haben, dann kann man sich natürlich zum Gewinner erklären. Ich habe früher auch an den Bundesjugendspielen teilgenommen und eine Siegerurkunde bekommen, da hab’ ich mich mal kurz als Gewinner gefühlt.
Pin: Ich auch. Aber im Ernst: Hier werden Narrative aufgebaut. Aus Cockpit-Sicht hat sich bei den Personalvertretungswahlen wenig verändert. In den Bereichen, die wir vertreten, finden Persönlichkeitswahlen statt. Dort sitzen weiterhin Vertreterinnen und Vertreter der Vereinigung Cockpit. Das Bild ist im Wesentlichen dasselbe wie zuvor.
Jamila: Am Boden haben wir in den größeren Betrieben Listenwahl. Da haben wir uns bei der Lufthansa Technik in Frankfurt sogar verbessert und mit knapp 80 Prozent der Wählerstimmen die absolute Mehrheit geholt. Die Ergebnisse variieren bei uns am Boden aber je nach Gesellschaft und Standort.
Dann ist die große Siegesmeldungder Verdi vor allem Marketing?
Pin: Aus meiner Sicht ja. Entscheidend ist doch nicht, wer sich nach einer Wahl am lautesten zum Sieger erklärt. Entscheidend ist, was anschließend in den Betrieben passiert.
Jamila: Genau. Wenn man den Anspruch hat, dass ein Wahlsieg bedeutet, Mehrheiten oder sogar absolute Mehrheiten zu gewinnen, muss man sehr genau auf die einzelnen Betriebe schauen. Dann wird das Bild deutlich differenzierter.
Warum inszeniert Verdi das Ergebnis trotzdem so offensiv?
Pin: Über Motive kann man natürlich nur spekulieren. Aber die Strategie ist erkennbar: Verdi möchte im Luftverkehr stärker werden. Der Luftverkehr ist aus gewerkschaftlicher Sicht ein besonderer Bereich. Mit vergleichsweise wenigen Beschäftigten kann man eine enorme Wirkung erzielen. Bislang war Verdi stark in verschiedenen Bodenbetrieben vertreten. Jetzt versucht sie zunehmend, auch das fliegende Personal zu tarifieren.
Das klingt wie ein Unternehmen, das einen neuen Markt erschließen will.
Pin: Ja. Wenn ein Unternehmen in einen Markt hineinwill, macht es zunächst attraktive Angebote: Probe-Abos, Lockangebote. Im Fall von Gewerkschaften sind das die sogenannten Differenzierungsklauseln. Verdi-Mitglieder bekommen so zusätzliche Vorteile. Wer Mitglied bei Verdi ist, kann dadurch monetär bessergestellt sein.
Das geht doch sicher nicht ohne den Arbeitgeber. Kommt die Verdi im Gegenzug der Lufthansa an anderer Stelle entgegen?
Pin: Bei den Tarifverträgen. Zumindest die jüngsten Tarifierungen bei Discover und vor allem bei Lufthansa City Airlines legen das nahe. Lufthansa kann jetzt ihre tarifpolitischen Ansprechpartner diversifizieren. Verdi wiederum kann in neuen Bereichen Fuß fassen und Mitglieder binden. Das verstärkt bei uns den Eindruck einer sehr engen Zusammenarbeit. Verdi scheint aktuell der bequemere Tarifpartner zu sein – was zulasten der Interessen der Beschäftigten geht.
Ihr kritisiert außerdem, dass Verdi ihren Einfluss in übergeordneten Mitbestimmungsgremien nutzt, um eigene Interessen verfolgen.
Jamila: Entscheidend ist, genau hinzuschauen, ob Betriebsratsarbeit und Gewerkschaftsinteressen miteinander verknüpft werden. Dieser Eindruck entsteht zumindest an manchen Stellen. Die Kolleginnen und Kollegen wählen uns, damit wir ihre Interessen vertreten, Lösungen erarbeiten und Ergebnisse erzielen – bestenfalls Verbesserungen. Wenn politische oder organisatorische Interessen wichtiger werden als die eigentliche Sacharbeit, verlieren am Ende die Beschäftigten. Und genau das sollte nicht passieren.

Verdi wirft den Fachgewerkschaften im Grunde das gleiche vor, Tarifpolitik in die Personalvertretungsarbeit hineinzutragen. Was entgegnet ihr?
Pin: Nein. Das ist Unsinn. Natürlich gibt es personelle Überschneidungen. Kolleginnen und Kollegen sitzen beispielsweise in einer Tarifkommission und zugleich in einer Personalvertretung. Das ist nicht ungewöhnlich und kann inhaltlich sogar sinnvoll sein. Wer einen Tarifvertrag selbst verhandelt hat, kennt ihn sehr genau. Wenn später die Frage aufkommt, wie eine bestimmte Regelung gemeint ist, kann diese Person das schnell einordnen.
Aber schafft das nicht zwangsläufig politischen Einfluss?
Pin: Überschneidungen sind nicht dasselbe wie politische Steuerung. Außerdem: Piloten lassen sich bekanntlich ausgesprochen ungern manipulieren.
Jamila: Wer im Glashaus sitzt, sollte vorsichtig sein. Ich habe auf betrieblicher Ebene selbst erlebt, dass wir nach Verhandlungen eine gemeinsame Kommunikation vorbereiten wollten. Bestimmte Aussagen wurden von Verdi-Kollegen abgelehnt, weil sie nicht zur tarifpolitischen Kommunikation der Gewerkschaft passten. Wir haben damals sehr klar gesagt: Ihr seid hier gerade Betriebsräte. Das hat mit eurer tariflichen Arbeit nichts zu tun. Diese Rollen muss man trennen können.
Wenn man euch zuhört, klingt das Verhältnis zu Verdi nicht gerade herzlich.
Jamila: Es ist schwierig. Natürlich gibt es Bereiche, in denen die Zusammenarbeit sehr gut funktioniert. Ich kenne viele Verdi-Mitglieder, die ihre Betriebsratsarbeit hochprofessionell von ihrer Gewerkschaftsmitgliedschaft trennen. Das Problem beginnt dann, wenn politische Interessen plötzlich die Sacharbeit überlagern. Wenn eine gewerkschaftspolitische Frage wichtiger wird als das konkrete Problem der Beschäftigten, wird es schwierig.
Jamila, du vertrittst am Boden außertariflich Beschäftigte bei der Lufthansa Technik. Warum ist es so wichtig über das Taktieren der Verdi zu sprechen?
Jamila: Weil man an diesem Beispiel sehr gut sieht, wie wichtig eine unabhängige betriebliche Interessenvertretung ist. Die außertariflich Beschäftigten haben keinen Tarifpartner, der ihre Interessen verhandelt. Daher kommt der Betriebsratsarbeit hier eine besondere Bedeutung zu. Genau deshalb halte ich es für problematisch, wenn politische oder organisatorische Fragen die Aufmerksamkeit von den eigentlichen Sachthemen weglenken.
AT-Stellen sind bei der Lufthansa Technik in Ihrer Wertigkeit grundsätzlich oberhalb des Tarifniveaus definiert. Aus unserer Sicht spiegelt sich diese Wertigkeit in der heutigen Vergütungsstruktur jedoch vielfach nicht mehr ausreichend wider. Genau hier sehen wir erheblichen Handlungsbedarf. Umso wichtiger ist es, dass wir unsere Energie auf die Inhalte und auf konkrete Verbesserungen richten. Die Kolleginnen und Kollegen erwarten zu Recht, dass ihre Themen im Mittelpunkt stehen – und genau das sollte unser Maßstab sein.
Pin, du nennst Discover als ein besonders drastisches Beispiel dafür, wie Verdi vorgeht.
Pin: Ja. Wir haben dort ungefähr ein Jahr lang Tarifverhandlungen für die Discover-Piloten geführt. Dann wurden die Gespräche aus unserer Sicht vom Arbeitgeber abgebrochen. Der damals stark Verdi-geprägte Betriebsrat setzte zentrale Inhalte unserer tariflichen Forderungen als betriebliche Lohngestaltung um. Wenn deine Forderung auf betrieblicher Ebene umgesetzt wird, verliert sie als tarifpolitischer Hebel erheblich an Wirkung. Später wurde genau diese Betriebsvereinbarung von Verdi tariflich übernommen, obwohl die Verdi bis kurz vom Abschluss noch gar keine TK etabliert hatte.
Du nennst das ein grobes Foul.
Pin: Ja. Unter Gewerkschaften ist das ein grobes Foul. Formal kann Verdi natürlich sagen: Das war der Betriebsrat, nicht wir. Aber wenn anschließend dieselben Inhalte tariflich übernommen werden, darf man zumindest Fragen stellen.
Betrachtet Verdi euch als Konkurrenten?
Pin: Mir wurde sehr klar gesagt: Wir stehen in einem Konkurrenzverhältnis. Das hat mich tatsächlich irritiert.
Wäre es nicht die Aufgabe von Gewerkschaften und Betriebsräten, gemeinsam gegenüber dem Arbeitgeber aufzutreten?
Pin: Ich gehe grundsätzlich davon aus, dass jeder, der in der Mitbestimmung tätig ist, die Arbeits- und Lohnbedingungen der Menschen verbessern möchte, die er vertritt. Das gilt für uns und das gilt mit Sicherheit auch für Verdi. Das Problem beginnt, wenn Gewerkschaften gegeneinander arbeiten, dann profitiert am Ende der Arbeitgeber. Natürlich dürfen wir unterschiedlicher Meinung sein. Aber wir müssen versuchen, uns dort abzustimmen, wo es möglich und rechtlich zulässig ist.
Jamila: Genau. Wir müssen nicht immer derselben Meinung sein – unterschiedliche Positionen gehören zur Mitbestimmung dazu, aber wir sollten immer in dieselbe Richtung arbeiten.
Pin: Genau. Denn wir haben bereits einen Arbeitgeber, der völlig legitim seine Interessen verfolgt. Wenn daneben auch noch Gewerkschaften ihre Energie darauf verwenden, gegeneinander zu kämpfen, schwächen wir am Ende die Beschäftigten.
Was sollen Beschäftigte aus diesem Gespräch mitnehmen?
Jamila: Sie sollten auf das schauen, was eindeutig ist: Konkrete Ergebnisse. Und nicht nur auf Schlagzeilen hören. Es geht nicht darum, wer am lautesten ruft oder welches Label jemand für sich beansprucht. Arbeitnehmervertretungen müssen sich daran messen lassen, was sie für die Kolleginnen und Kollegen tatsächlich verbessern.
Pin: Damit ist eigentlich alles gesagt.