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Wie sich das Winterwetter konkret auf den Flugbetrieb auswirkt und welche Herausforderungen Crews und Bodenpersonal bewältigen müssen, erklärt Carsten Banach, Pilot und Mitglied der AG Aircraft Design & Operation (ADO) bei der Vereinigung Cockpit.
Carsten, welche Wetterphänomene machen den Winterbetrieb besonders anspruchsvoll?
Winterwetter geht häufig mit eingeschränkter Sicht, tiefen Wolken, Schneeschauern, gefrierendem Regen oder Vereisung in der Luft einher. Das erfordert eine besonders sorgfältige Wetter- und Routenplanung – ebenso die Auswahl geeigneter Ausweichflughäfen. Besonders anspruchsvoll wird es, wenn zusätzliche technische Einschränkungen hinzukommen, etwa bei den Enteisungssystemen oder der Fähigkeit des Flugzeugs, bei sehr schlechter Sicht zu operieren.
Welche Rolle spielt die Vereisung des Flugzeugs selbst?
Eine sehr große. Schon geringe Eis- oder Reifansammlungen können die Flugleistungen erheblich beeinträchtigen. Deshalb sind Enteisungsmaßnahmen vor dem Start bei entsprechenden Wetterbedingungen zwingend vorgeschrieben. Diese Maßnahmen folgen klaren Verfahren und zeitlichen Vorgaben – den sogenannten Holdover-Zeiten.
Die Holdover-Time beschreibt den Zeitraum, in dem Enteisungsflüssigkeit verhindert, dass sich erneut Eis oder Schnee an den Flugzeugoberflächen ansetzt. Sie hat direkten Einfluss auf Abflugplanung und Pünktlichkeit. Problematisch bei einem Ablaufen der Holdover-Time ist, dass bereits enteiste Flächen wieder vereisen können, ohne dass dies für die Besatzung erkennbar ist. Erfolgt die Enteisung möglichst kurz vor dem Start, lässt sich dieses Risiko deutlich reduzieren.
Voraussetzung dafür ist, dass Flughäfen und Flugzeugbetreiber eine Enteisung möglichst nahe am Startbahnkopf ermöglichen. Zusätzlich braucht es an den Enteisungspositionen technische Möglichkeiten, mit denen der Zustand des Flugzeugs verlässlich überprüft werden kann.
Sie sprechen sich außerdem für den Einsatz von Eisdetektoren aus. Warum?
Die Analyse vereisungsbedingter Unfälle der vergangenen Jahrzehnte zeigt, dass eine der häufigsten Ursachen ein zu spätes Einschalten der Enteisungsanlagen war. Eisdetektoren können hier einen entscheidenden Sicherheitsgewinn bringen.
Gerade in Phasen hoher Arbeitsbelastung – etwa im Anflug oder während Warteschleifen – kann es für die Besatzung schwierig sein, Vereisungsbedingungen zuverlässig einzuschätzen. Hinzu kommt, dass wichtige Flugzeugbereiche vom Cockpit aus nicht einsehbar sind. Sich dabei ausschließlich auf sichtbaren Niederschlag und die Außentemperatur verlassen zu müssen, entspricht nicht mehr dem heutigen Stand der technischen Möglichkeiten.
Welche Folgen haben verschneite oder vereiste Start- und Landebahnen für den Flugbetrieb?
Verschneite oder vereiste Start- und Landebahnen verringern die Bremswirkung teils erheblich und können damit Leistungs- und Gewichtsbeschränkungen beim Start und bei der Landung erforderlich machen. Besonders kritisch ist dabei eine zuverlässige und möglichst aktuelle Einschätzung der tatsächlichen Bahn- und Bremsverhältnisse – sie bildet die Grundlage für eine sichere Entscheidung im Cockpit.
Hinzu kommen Kapazitätseinbußen an den Flughäfen: Räum- und Enteisungsarbeiten führen immer wieder zu Verzögerungen oder temporären Bahnschließungen. Das wirkt sich auf den gesamten Flugplan aus – und auf die einzelne Flugplanung. Oft müssen zusätzliche Treibstoffreserven eingeplant werden, um Wartezeiten zu überbrücken oder Ausweichflughäfen außerhalb aktiver Schneefallgebiete sicher erreichen zu können. In diesem Zusammenhang spielen auch die jeweiligen Vorgaben der Airlines zur Kraftstoffplanung eine wichtige Rolle, um ein zuverlässiges Sicherheitsnetz zu spannen.
Welche Rolle spielen menschliche Faktoren bei winterlichen Bedingungen?
Die Luftfahrt ist grundsätzlich von Zeitdruck geprägt – enge Umlaufpläne gehören zum Alltag. Im Winter verschärft sich diese Situation. Gerade in der Bodenabfertigung besteht die Gefahr, dass Arbeiten unter Kälte, Nässe und zusätzlichem Zeitdruck mit größerer Eile durchgeführt werden. Das gilt insbesondere dann, wenn geeignete Kälteschutzkleidung fehlt oder nicht ausreichend zur Verfügung steht.
Hinzu kommt der wirtschaftliche Druck, den Flugplan trotz widriger Bedingungen möglichst stabil zu halten. Abhilfe schaffen realistische Planung, angemessene Ausstattung, klare und strukturierte Verfahren – und vor allem eine gute Kommunikation zwischen allen Beteiligten.