„Wir sind vorsichtig optimistisch – aber bleiben dran“

Nach zwei Terminen des vom Bundesverkehrsministerium (BMV) initiierten Round Table Flugmedizin ziehen wir eine erste Bilanz. Hintergrund des Austauschs sind zu lange Verweisungsverfahren, Kommunikationsprobleme, strukturelle Engpässe, ineffiziente Prozesse sowie eine umstrittene Prüfungspraxis beim Luftfahrt-Bundesamt (LBA). Die Vereinigung Cockpit (VC) ist Teil des Runden Tisches und bringt die Perspektive der Pilotinnen und Piloten ein. VC-Flight-Safety-Vorständin Anja Granvogl ordnet im Gespräch ein, was sich bisher getan hat – und wo weiterhin Handlungsbedarf besteht.

Anja, wie bewertest du den bisherigen Verlauf des Round Table Flugmedizin?
Der erste Termin war definitiv mehr als ein reiner Austausch. Besonders wichtig war, dass die Probleme nicht kleingeredet, sondern offen benannt wurden – auch vom Bundesverkehrsministerium. Das hat klar gemacht, dass der Handlungsdruck erkannt ist. Insgesamt geht es in die richtige Richtung, auch wenn wir noch keine echten Durchbrüche sehen.

Wo lagen aus deiner Sicht die größten Probleme, die diskutiert wurden?
Ein zentrales Thema war die Kommunikation zwischen Luftfahrt-Bundesamt, Fliegerärzten und Antragstellern. Hier gibt es massive Defizite: schlechte Erreichbarkeit, widersprüchliche Vorgaben und technisch unzureichende Prozesse. Dass das Ministerium diese Struktur als „nicht tragfähig“ bezeichnet hat, war ein starkes Signal.

Ein weiterer Streitpunkt war die Prüfungspraxis bei Verweisungen. Wie siehst du das?
Wir haben deutlich gemacht, dass die systematische Nachforderung vollständiger Gesamtbefunde ein großes Problem ist. Natürlich verzögern unvollständige Anträge Verfahren – aber das erklärt nicht, warum oft weit über den eigentlichen Anlass hinaus alles neu geprüft wird. Das führt zu unnötigen Schleifen und langen Wartezeiten, ohne erkennbaren medizinischen Mehrwert.

Welche Auswirkungen hat das auf die Flugsicherheit?
Wenn Verfahren zu lange dauern oder als unverhältnismäßig empfunden werden, besteht die Gefahr, dass Piloten gesundheitliche Probleme nicht offenlegen. Das ist kein individuelles Fehlverhalten, sondern ein strukturelles Problem – und damit ein echtes Risiko für die Flugsicherheit.

Beim zweiten Termin ging es stärker um konkrete Lösungen. Was stand dort im Fokus?
Im Mittelpunkt stand der Dokumentationsprozess. Für die Fliegerärzte ist er aktuell sehr aufwendig und kompliziert. Es müssen viele Unterlagen eingereicht und häufig nachgereicht werden, was den gesamten Ablauf verlangsamt.

Welche Verbesserungen wurden diskutiert?
Ein wichtiger Punkt war das EMPIC-System, über das die Verfahren laufen. Hier wurde angeregt, zumindest eine Zwischenlösung zu schaffen, da sich die Einführung eines neuen Systems immer weiter verzögert.
Außerdem wurde ein Ansatz diskutiert, bei bestimmten Diagnosen mit klaren Checklisten zu arbeiten. Fliegerärzte könnten dann in Routinefällen selbst entscheiden, ob die Flugtauglichkeit wieder erteilt wird. Nur auffällige Fälle würden an das LBA gehen. Das würde Prozesse deutlich beschleunigen und die Behörde entlasten.

Wie könnte so ein Ansatz konkret aussehen?
Im nächsten Schritt sollen geeignete Diagnosen identifiziert werden – also Fälle, die medizinisch klar und unkompliziert sind, wie etwa eine Blinddarmentfernung. Ziel ist, hier klare Kriterien zu definieren, wann eine Weiterleitung an das LBA nötig ist und wann nicht.

Siehst du insgesamt Bewegung im System?
Ja, zumindest erste positive Signale. Das Ministerium hat gezeigt, dass es das Thema ernst nimmt und aktiv an Verbesserungen arbeiten will. Das ist wichtig, weil es für viele Kolleginnen und Kollegen ein existenzielles Thema ist.

Trotzdem klingst du noch zurückhaltend. Warum?
Weil wir in der Vergangenheit auch erlebt haben, dass gute Ansätze im Sande verlaufen. Deshalb bleiben wir vorsichtig optimistisch. Entscheidend ist, ob den Ankündigungen jetzt konkrete Veränderungen folgen – insbesondere beim LBA.

Was heißt das konkret für euch als VC?
Wir begleiten den Prozess sehr eng. Wenn wir merken, dass es wieder ins Stocken gerät, werden wir entsprechend Druck machen. Unser Ziel ist klar: spürbare Verbesserungen und keine weiteren Jahre des Stillstands.