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ECA-Präsidentin Tanja Harter und Dr. Andreas Pinheiro, VC-Präsident / © Vereinigung Cockpit
Tanja, warum kandidierst du erneut für das Amt der ECA-Präsidentin?
Weil vieles gerade erst begonnen hat. Einen großen Teil meiner ersten Amtszeit mussten wir dafür verwenden, die ECA neu aufzustellen. Gleichzeitig habe ich aber Netzwerke aufgebaut und viele Themen angestoßen. Jetzt möchte ich nicht nach dem Aufräumen aufhören, sondern gestalten.
Was steht in den kommenden Jahren an?
Die europäische Luftfahrt steht vor wichtigen Weichenstellungen. Es geht um die künftige europäische Luftfahrtstrategie, um Flugsicherheit und Arbeitsbedingungen. Gleichzeitig beschäftigen uns geopolitische Konflikte und ihre Auswirkungen auf den Flugbetrieb, neue Technologien und natürlich künstliche Intelligenz.
Weite Teile der Safety-Regulierung werden auf europäischer Ebene festgelegt. Deswegen ist es so wichtig, dass wir in Brüssel vertreten sind und unsere Expertise aus der operativen Wirklichkeit einbringen.
Die europäische Luftfahrt gilt als ausgesprochen sicher. Warum ist Flugsicherheit trotzdem ein so großes Thema?
Wir haben unbestritten einen sehr hohen Sicherheitsstandard. Aber wie messen wir Sicherheit? Wenn wir nur auf schwere Unfälle oder Totalverluste schauen, betrachten wir lediglich das Ende einer Entwicklung. Ein gutes Sicherheitssystem muss viel früher erkennen, wo Risiken entstehen und Schutzmechanismen schwächer werden. Mich beschäftigt, ob wir uns als Branche zunehmend zu sehr auf dem Erreichten ausruhen.
Du vergleichst das mit einem Jenga-Turm.
Ja. Wir haben über Jahrzehnte ein robustes System mit vielen Sicherheitsbarrieren aufgebaut. Nun ziehen wir hier einen Stein heraus und dort einen. Jedes Mal bleibt der Turm stehen, und wir sagen: Es ist nichts passiert, also war die Veränderung sicher. Irgendwann zieht jemand den letzten Stein, und der Turm fällt. War dann nur derjenige verantwortlich, der diesen letzten Stein herausgezogen hat? Oder auch alle, die zuvor das System geschwächt haben? Wir wissen nicht genau, wie sehr der Turm bereits wackelt.
Welche „Steine“ werden aus dem System gezogen?
Das können Änderungen bei Verfahren, Ausbildung, Besetzung oder Dienstplänen sein, aber auch Fatigue und wirtschaftlicher Druck. Jede Veränderung mag für sich beherrschbar erscheinen. Das Risiko entsteht häufig erst durch das Zusammenspiel. Die Tatsache, dass kein Unfall passiert ist, beweist nicht, dass eine Veränderung keine Auswirkungen auf die Sicherheit hatte.
Was kann die ECA dagegen tun?
Wir können die Erfahrungen der Crews frühzeitig in politische und regulatorische Entscheidungen einbringen. Piloten erleben jeden Tag, wie Regeln, Technik und wirtschaftlicher Druck im Betrieb zusammenwirken. Diese Perspektive darf nicht erst gehört werden, wenn etwas schiefgegangen ist.
Was möchtest du in einer zweiten Amtszeit erreichen?
Die ECA soll bei wichtigen europäischen Entscheidungen von Anfang an eingebunden sein – nicht erst, wenn die Weichen bereits gestellt sind. Die Perspektive der Pilotinnen und Piloten muss bei Safety und der Zukunft der Luftfahrt selbstverständlich dazugehören. Europäische Politik verändert sich oft langsam. Gerade deshalb braucht es eine Organisation wie die ECA, die dauerhaft dranbleibt.