Flight Safety

„Wir wussten: Die Welt ist jetzt eine andere“

Am 11. September 2001 ist Uwe Harter als Lufthansa-Pilot auf dem Weg von Frankfurt nach Dallas, als die USA ihren Luftraum schließen. Seine Maschine landet im kanadischen Gander – einem Ort mit rund 7000 Einwohnern, der innerhalb weniger Stunden Tausende gestrandete Passagiere aufnehmen muss. Ein Gespräch über einen Zettel im Cockpit, die Hilfsbereitschaft der Neufundländer und den Tag, an dem die Fliegerei ihre Unbeschwertheit verlor.

Uwe, wann hast du gemerkt, dass bei diesem Flug etwas anders war?
Ich hatte gerade meine Pause und war gerade eingeschlafen, als ich wieder aufgeweckt wurde. Ich habe gemerkt, dass die Cockpittür ständig auf- und zuging. Da wusste ich: Irgendetwas ist los. Ich habe mich angezogen und bin nach vorne gegangen. Dort hat mir der Kapitän wortlos ein Stück Papier in die Hand gedrückt. Darauf stand die Nachricht aus New York, dass ein Flugzeug in einen der Türme des World Trade Centers geflogen sei.

Was hast du gedacht?
Dass das ein Scherz sein muss. Es lag völlig außerhalb meiner Vorstellungskraft.

Wo wart ihr zu diesem Zeitpunkt?
Kurz vor Neufundland. Wir waren von Frankfurt nach Dallas unterwegs. An diesem Tag war ausgerechnet mein Senior-First-Officer-Checkout geplant. Das war ein Überprüfungsflug und ein wichtiger Schritt in meiner Laufbahn. Bis dahin war es ein vollkommen normaler Flug gewesen.

Und plötzlich war der amerikanische Luftraum geschlossen.
Genau. Als wir wieder vernünftigen Funkkontakt hatten, teilte uns die Flugsicherung mit: Der amerikanische Luftraum ist zu, alle Maschinen müssen zwischenlanden. Man bot uns St. John’s, Gander oder Halifax an. Ich wusste aber zufällig von einem Kapitän, mit dem ich sechs Wochen vorher geflogen war, einiges über Gander. Früher war das ein wichtiger Zwischenstopp für Transatlantikflüge. Der Flughafen war groß, es gab viel Kerosin und eine gute Versorgung. Also habe ich gesagt: Ich glaube, Gander ist für uns der beste Platz.

Ihr wart sehr früh dort.
Wir waren die zweite Maschine, die landete. Vor uns war eine Air-France-Maschine. Unser Kapitän entschied, dass wir keinen Treibstoff ablassen, sondern mit Übergewicht landen. Das war technisch möglich. Also sind wir runter. Es war ein wunderschöner Herbsttag, sonnig – und zunächst dachten wir noch: Wir fliegen bald weiter.

 

Dann kamen immer mehr Flugzeuge.
Am Ende standen dort 39 Maschinen. Irgendwann war klar: Hier geht heute niemand mehr weg. Wir hatten gleichzeitig kaum Informationen. Smartphones gab es nicht. Unsere Mobiltelefone funktionierten in Kanada nicht einmal richtig. Wir konnten Deutsche Welle über Funk hören, bekamen Meldungen per Telex und erfuhren einiges von unseren Passagieren, deren Telefone funktionierten.

Wann hast du die Bilder aus New York zum ersten Mal gesehen?
Erst am Abend im Hotel. Vorher wussten wir zwar, was passiert war. Wir wussten vom zweiten Flugzeug, vom Pentagon, später auch von Pennsylvania. Aber wir hatten diese Bilder nicht gesehen. Als wir dann als Crew in dem Zimmer des Kapitäns zusammensaßen und den Fernseher einschalteten, haben wir zum ersten Mal wirklich gesehen, was geschehen war.

Wie surreal war das?
Extrem. Wir saßen in Gander, es war friedlich, das Wetter war schön. Und gleichzeitig wussten wir, dass in den USA etwas Unfassbares passiert war. Niemand wusste, was als Nächstes kommt. Reagieren die USA militärisch? Gegen wen überhaupt? Aber eines war uns schon an diesem Tag klar: Die Welt wird danach eine andere sein. Und die Fliegerei auch.

Gander hatte damals ungefähr 7000 Einwohner. Fast ebenso viele gestrandete Menschen kamen in die Region. Wie konnte das funktionieren?
Durch eine unglaubliche Hilfsbereitschaft. Die Menschen wurden in Turnhallen, Schulen, Clubs und Privathäusern untergebracht. Die Einwohner haben gekocht, Telefone und Internet organisiert. Am Flughafen kümmerte man sich auch um die Tiere, die in den Flugzeugen waren. Wenn jemand Medikamente aus seinem Koffer brauchte, wurde versucht, sie zu beschaffen. Die Leute dort haben einfach gemacht.

Ihr habt zunächst gehofft, doch noch in die USA fliegen zu können.
Ja. Am übernächsten Tag hieß es irgendwann, der amerikanische Luftraum könnte wieder geöffnet werden. Wir haben die Maschine vorbereitet und die Passagiere zusammengerufen. Bis alle wieder am Flughafen waren, war es Abend. Dann kam die Nachricht: Nein, die USA bleiben zu.

Und dann?
Dann haben wir entschieden, nach Frankfurt zurückzufliegen. Einige Passagiere wollten überhaupt nicht mehr in die USA. Ein paar sind ausgestiegen und wollten mit einem Mietwagen weiter – bis New York ist das mindestens eine dreitägige Tour.

 

Was hast du in diesen Tagen über deinen Beruf gelernt?
Vor allem, was es bedeutet, Kapitän zu sein. Unser Kapitän hat das bravourös gemacht. Er war da. Er hat gesehen, wer in der Crew gerade wie belastbar war und wem er welche Aufgabe geben konnte. Er hat es geschafft, die Crew zusammenzuhalten.

Der 11. September hat die Luftfahrt dauerhaft verändert. Woran merkt man das?
Am offensichtlichsten sind die Cockpittüren. Früher waren die Türen zumindest in Europa oft offen. Passagiere konnten während des Fluges nach vorne kommen. Nach dem 11. September kamen die verstärkten, gesicherten Türen und ganz neue Verfahren. Heute überlegen wir auf jedem Flug: Wer steht vor der Cockpittür? Wie sichern wir den Bereich, wenn jemand von uns raus muss? Wie reagieren wir auf jemanden, der versucht, ins Cockpit zu gelangen?

Also ist grundsätzlich Misstrauen eingezogen?
Ja, eindeutig. Security ist heute ein völlig anderer, integraler Bestandteil der Flugsicherheit. Das sieht man schon an den Kontrollen am Flughafen. Dinge, über die früher niemand nachgedacht hätte, können heute sofort eine Sicherheitsreaktion auslösen. Gleichzeitig versuchen wir als Crew natürlich weiterhin, den Menschen zunächst einmal zu vertrauen. Sonst wäre ein normaler Umgang miteinander gar nicht möglich.

Du sagst, die Fliegerei habe damals ihre Unschuld verloren. Was meinst du damit?
Unfälle hatte es immer gegeben. Entführungen auch. Aber hier wurden Verkehrsflugzeuge selbst als Waffen eingesetzt. Das war etwas anderes. Wir wussten an diesem Tag in Gander: Diese Unbeschwertheit, die es vorher gegeben hatte, kommt nicht zurück.

Du gehst heute noch zum Ground Zero, wenn du in New York bist.
Fast jedes Mal. Ich bin ein Jahr nach den Anschlägen zum ersten Mal hingeflogen, weil ich den Ort selbst sehen wollte. Heute bin ich wieder häufig in New York. Dann gehe ich dorthin, setze mich auf die Bänke bei der Kapelle und der Sphere, die früher zwischen den beiden Türmen stand und mit ein paar Beulen „überlebt hat“, und erinnere mich an die Ereignisse.

Was ist nach 25 Jahren stärker in Erinnerung: der Terror oder das, was du in Gander erlebt hast?
Beides gehört zusammen. Das Entsetzen darüber, was passiert war, und gleichzeitig diese unglaubliche Menschlichkeit, die ich in Gander erleben durfte. Das Entsetzen erlebt man hoffentlich nur einmal im Leben. Das Gute hoffentlich öfter. Aber vergessen wird man so ein Erlebnis nie.


Manche Ereignisse hinterlassen Spuren, die selbst die Zeit nicht verblassen lässt. Sie verändern die Welt – und bleiben in unserer Erinnerung so gegenwärtig, als wäre es gestern gewesen.

11. September - Jahr für Jahr unvergessen