
Lutz Budrass / © privat
Herr Budrass, die Lufthansa erzählt ihre Nachkriegsgeschichte gern als Geschichte eines Neuanfangs. Was fehlt Ihnen daran?
Vor allem die Konflikte. Es wird der Eindruck erweckt: 1953 wird eine neue Lufthansa gegründet, man stellt junge Leute ein, bildet sie aus, und wenig später fliegen sie mit modernen Maschinen nach New York. So einfach war es nicht.
Besonders deutlich wird das bei den Piloten?
Ja. Eine der größten Auseinandersetzungen nach 1945 war die Frage, welche Piloten wieder eingestellt werden sollten. Man konnte nicht einfach so tun, als beginne alles bei null. Es gab erfahrene Piloten aus der alten Lufthansa und vor allem Männer, die während des Krieges in der Luftwaffe geflogen waren. Und die Luftwaffe war kein Wehrmachtsteil gewesen, der unpolitisch gewesen wäre. Damit stellte sich zwangsläufig die Frage nach ihrer persönlichen und politischen Vergangenheit. Diese Debatte zog sich bis in die siebziger Jahre hinein.
Gleichzeitig brauchte die neue Lufthansa genau diese fliegerische Erfahrung für ihren Start.
Natürlich. Genau darin liegt der Widerspruch. Deutschland durfte nach dem Krieg zunächst überhaupt keinen eigenen Luftverkehr betreiben. Als die Lufthansa zurückkehrte, brauchte sie erfahrenes Personal. Der Wiederaufbau war personell sehr viel stärker mit der Vergangenheit verbunden, als es die glatte Erzählung vom Neubeginn vermuten lässt.
Warum tut sich die Lufthansa so schwer damit, diese Ambivalenz zu erzählen?
Die Lufthansa versucht, von sich und für ihre Mitarbeiter eine „Makellosigkeit“ zu erzeugen, die in der Realität nicht existiert. Das ist für mich der entscheidende Punkt. Ein starkes Unternehmen neigt dazu, seine heutige Stärke rückwirkend in seine Geschichte hineinzuprojizieren. Dabei wäre es genau umgekehrt glaubwürdiger: Man müsste die Widersprüche benennen.