
Vizepräsident Oliver Löwe / © Vereinigung Cockpit
Die Lufthansa feiert 100 Jahre Unternehmensgeschichte. Das Jubiläum wäre eine Gelegenheit, souverän mit der eigenen Vergangenheit umzugehen und gemeinsam mit den Beschäftigten nach vorne zu blicken. Doch dazu gehört mehr als ein festlicher Rückblick.
Viele unserer Mitglieder blicken mit gemischten Gefühlen auf das Jubiläum. Sie befürchten, dass die Verstrickung der damaligen Luft Hansa in das NS-Regime bei all den Feierlichkeiten zu kurz kommt. Und dass Fragen offenbleiben, die gerade in einem solchen Jubiläumsjahr eine Antwort verdient hätten.
Es ist schwer zu verstehen, warum sich der Vorstand mit der Aufarbeitung dieser Vergangenheit offenbar so schwertut. Die heutigen Verantwortlichen tragen keine persönliche Schuld an den Verbrechen der NS-Zeit. Wohl aber tragen sie Verantwortung dafür, wie das Unternehmen heute mit seiner Geschichte umgeht. Ein offener und ehrlicher Dialog wäre ein Anfang.
Denn die Beschäftigten sind Teil dieses Unternehmens, nicht bloß Publikum seiner Feierlichkeiten. Daran ändern auch Veranstaltungen wenig, für die man sich erst bewerben musste. Wer Beteiligung ernst meint, muss auch zuhören. Gerade dann, wenn Fragen unbequem sind.
Für uns als Gewerkschaft hat die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus eine besondere Bedeutung. Die Nationalsozialisten zerschlugen die freien Gewerkschaften, beseitigten das Streikrecht und unterbanden unabhängige Tarifverhandlungen. Diese Geschichte verpflichtet uns, genau hinzusehen. Und das Gespräch über jene Fragen zu suchen, die unsere Mitglieder beschäftigen.
Gerade heute, da demokratische Grundwerte unter Druck geraten, ist es wichtiger denn je, die Verbrechen der NS-Zeit klar zu benennen. Das „Nie wieder“ darf nicht zur wohlfeilen Formel werden. Eine historische Studie, die am Ende im Bücherregal verschwindet, wird diesem Anspruch nicht gerecht. Auch Unternehmen tragen Verantwortung, aus ihrer Geschichte Konsequenzen zu ziehen und für demokratische Werte einzutreten. Erinnerung darf keine Pflichtübung sein. Sie muss in der Gegenwart etwas bewirken.
Die Lufthansa hat eine umfassende Aufarbeitung angekündigt. Das ist ein wichtiger Schritt, den wir ausdrücklich begrüßen. Dass die Ergebnisse erst im kommenden Jahr veröffentlicht werden sollen, ist mit Blick auf das Jubiläum allerdings bedauerlich. Umso mehr hoffen wir, dass der Vorstand die Fragen der Beschäftigten ernst nimmt. Denn eine offene Auseinandersetzung mit der Vergangenheit würde die Lufthansa nicht kleiner machen. Im Gegenteil: Sie könnte das Vertrauen in dieses Unternehmen stärken.
Aufarbeitung ist eine Chance. Wir wünschen uns, dass der Vorstand sie ergreift. Wir sind zum Dialog bereit, Herr Spohr.