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Flight Safety

Wer warnt eigentlich vor Kriegsgebieten?

Zwischen Brüssel und Berlin: Die Rolle der EASA im europäischen System zur Conflict Zone Information

Wenn Flugrouten plötzlich gesperrt werden oder sich im Dispatcher-Briefing rote Warnungen über bestimmte Lufträume finden, steckt dahinter ein komplexes Zusammenspiel von Behörden und Sicherheitsabteilungen. Spätestens seit dem Abschuss von MH17 über der Ostukraine 2014 ist klar, dass zivile Luftfahrt und geopolitische Konflikte gefährlich nahe beieinanderliegen können. Die Frage, wer eigentlich darüber entscheidet, welche Gebiete als „Conflict Zones“ gelten und wie diese Information zu den Crews gelangt, ist seither aktueller denn je.

Vom Einzelfall zum europäischen Verfahren

Nach MH17 begann in Europa ein institutioneller Lernprozess. Die EU-Kommission richtete 2015 die Integrated Risk Assessment Group (IRAG) ein, in der sicherheitsrelevante Informationen zu Konfliktzonen ausgetauscht und bewertet werden. In dieser Gruppe arbeiten die Mitgliedstaaten, die Kommission und die EASA zusammen, um Risiken für die zivile Luftfahrt in Krisengebieten frühzeitig zu erkennen und möglichst einheitlich zu bewerten.

Die rechtliche Grundlage für die Beteiligung der EASA bildet § 88 der Verordnung (EU) 2018/1139 („Basic Regulation“) **. Dort ist festgelegt, dass die Agentur die EU-Kommission und die Mitgliedstaaten durch Bewertung und Verbreitung von Informationen über Risiken unterstützt, die die Sicherheit der zivilen Luftfahrt beeinträchtigen können - einschließlich solcher, die aus bewaffneten Konflikten entstehen.

Damit wurde EASA formal beauftragt, Risikoanalysen und Informationsprodukte zu erstellen, jedoch ohne exekutive Befugnisse: Sie darf weder Lufträume sperren noch Airlines verpflichten, bestimmte Gebiete zu meiden.

Diese Kompetenzabgrenzung steht im Einklang mit der grundsätzlichen Souveränität über Luftsicherheitsentscheidungen der Mitgliedsstaaten, die in der Verordnung (EG) Nr. 300/2008 lediglich Teilbereiche an die EU-Ebene delegiert haben.

 

Nationale Unterschiede bleiben bestehen

Gerade bei der Frage, ob und wie nationale Behörden ihren Airlines Flugverbote erteilen dürfen, zeigen sich bis heute erhebliche Unterschiede.

Einige EU-Staaten - etwa Italien oder Deutschland - verfügen über nationale Rechtsgrundlagen, um ihren Luftfahrtunternehmen verbindliche Anweisungen oder Überflugverbote zu erteilen.

In anderen Mitgliedstaaten fehlt eine solche gesetzliche Grundlage, sodass dort lediglich Empfehlungen ausgesprochen werden können.

Diese ungleiche Rechtslage schränkt auch die Handlungsfähigkeit der EU-Ebene ein: Da EASA keine eigenen hoheitlichen Befugnisse besitzt und nicht alle Staaten über gleichwertige Instrumente verfügen, können ihre Conflict-Zone-Veröffentlichungen nur empfehlenden Charakter haben.

Sie dienen damit der Harmonisierung des Informationsstandes, nicht der Vereinheitlichung der Entscheidungen.

 

CZIB und CZIN - zwei Ebenen der Risikokommunikation

EASA veröffentlicht ihre Bewertungen in zwei abgestuften Formaten:

  • Conflict Zone Information Bulletin (CZIB):
    Wird herausgegeben, wenn eine Konfliktregion ein erhebliches Risiko für die zivile Luftfahrt darstellt. Das Bulletin enthält eine formelle Empfehlung, bestimmte Lufträume zu meiden oder operationelle Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen.
  • Conflict Zone Information Note (CZIN):
    Beschreibt niedriger eingestufte oder potenzielle Risiken, die derzeit keine Empfehlung erfordern, aber beobachtungswürdig sind. Sie dient damit als Frühwarninstrument und Grundlage für laufende Beobachtung.

Beide Formate existieren seit mehreren Jahren; neu ist, dass seit Kurzem auch die CZINs öffentlich zugänglich sind. Bisher wurden diese nur auf einer "Need to know" Basis verteilt. Damit wird das gesamte System für Behörden, Airlines und Cockpitcrews gleichermaßen transparenter

 

Die Plattform für offenen Informationsaustausch

Parallel zu den Bulletins betreibt die EASA die Platform for Information Sharing and Coordination on Conflict Zones („The platform“).

Sie bildet theoretisch einen weiteren Pfeiler der europäischen Conflict-Zone-Architektur:

  • Über sie erhalten die Teilnehmer kostenfrei Zugriff auf OSINT-Analysen eines kommerziellen Providers,
  • sie bietet Austauschmöglichkeiten zwischen den angemeldeten Nutzern

Im Idealfall würde die Plattform als schnelle „europäische Lagezentrale“ für zivile Risikoanalyse funktionieren.

In der Praxis wird sie jedoch noch nicht in vollem Umfang genutzt - vor allem, weil sich Airlines in sehr unterschiedlichen Ausgangspositionen befinden. Große Betreiber verfügen über eigene Sicherheitsanalysten und Datenzugänge, während kleinere Unternehmen stärker auf EASA-Informationen angewiesen sind.

Dieses kommerzielle Ungleichgewicht bremst die angestrebte europäische Harmonisierung spürbar und den Sinn der Plattform erheblich

 

Informationsquellen und Grenzen europäischer Analyse

Die EASA stützt sich bei ihren Bewertungen überwiegend auf Open Source Intelligence (OSINT) wie z.B. Satellitenbilder, Medienberichte, geopolitische Analysen und offizielle Mitteilungen.

Der Fokus auf offene Quellen ist nicht zufällig: Viele nationale Nachrichtendienste teilen sicherheitsrelevante Informationen nur eingeschränkt, um eigene Quellen und Methoden zu schützen.

EASA wird so zur europäischen Clearingstelle, die verfügbare Informationen technisch bewertet, kontextualisiert und in einheitlicher Form zugänglich macht ohne nationale Kompetenzen zu überschreiten.

 

Zwischen Empfehlung und Verantwortung

EASA kann nur informieren und empfehlen. Die Verantwortung für das operative Risk Assessment (RA) liegt bei den Airlines.

Diese müssen auf Basis der EASA-Dokumente, (inter)nationaler Warnungen und eigener Analysen selbst entscheiden, welche Routen vertretbar sind.

Für Crews erscheinen die Entscheidungen meist über Dispatcher-Briefings, Company Bulletins/Notams oder Flight Operations Notices.

Doch Vertrauen entsteht nur, wenn diese Entscheidungen nachvollziehbar kommuniziert werden.

Besatzungen müssen verstehen, warum eine Route zugelassen oder gesperrt ist, so selbstverständlich wie sie den technischen Zustand des Flugzeugs nachvollziehen können müssen.

Gerade in hochdynamischen Lagen müssen operative Rückmeldungen aus dem Cockpit und persönliche Bedenken jedoch in die laufende Risikobewertung einfließen.

Ein modernes Safety Management betrachtet die Flight Crew nicht nur als letzte operative Instanz, sondern als aktives Element der Risikowahrnehmung.

 

Fazit

EASA ist kein europäisches LBA und keine supranationale Sicherheitsbehörde. Sie ist die Koordinationsdrehscheibe zwischen nationaler Souveränität, gemeinsamer Informationsbasis und technischer Expertise.

Ihre Conflict-Zone-Bulletins, Information Notes und die Plattform schaffen Transparenz, aber sie ersetzen keine Entscheidungen.

Die Verantwortung bleibt geteilt:

  • EASA sammelt, bewertet und teilt Informationen,
  • Mitgliedstaaten wahren ihre sicherheitspolitische Hoheit,
  • Airlines treffen ihre Risikobewertungen,
  • Piloten tragen die Verantwortung in der taktischen Durchführung.

Damit dieses Zusammenspiel funktioniert, braucht es mehr als Daten: Es braucht Vertrauen, Kommunikation und das Bewusstsein, dass Sicherheit längst nicht mehr nur eine technische, sondern auch eine geopolitische Disziplin ist.

 

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